Krach, Bumm, Zisch, Schepper im Westhafen
Blitze, Stromkabel und Elektro-Ladungen von Lebewesen – die elektrischen Ströme im Erdreich macht Künstler Raviv Ganchrow hörbar. Einer unser Wochenendtipps.
Foto: Maurizio Gambarini/dpa
Samstagmorgen geht es gleich ums große Ganze. Für den Philosophen Baruch Spinoza war alles Kleine und Partikulare stets Ausdruck des Seins an sich, eines einzigen, übergeordneten Seins, des großen Ganzen. Wer sich auf das Sein spezialisiert, spezialisiert sich auf alles. Und wer alles einmal zeigen möchte, macht klassisch eine Weltausstellung, wie sie aktuell in der Philipp-Schaeffer Bibliothek in Mitte zu sehen ist (Brunnenstraße 181, ab 10 Uhr) Ausgestellt werden 100 dem Vernehmen nach gute Bücher aus dem Verbrecher-Verlag, die hier und sicherlich auch nebenan in der Ocelot-Buchhandlung erhältlich sind. Letztere bietet zudem sehr guten Kaffee.
Samstagmittag – Alles, zumindest alles, was sich bewegt, sei es auf der Erde oder in der Atmosphäre, induziert nebenbei elektrische Ströme, die früher oder später auch in den Erdboden gelangen. Die Ladungen des Planeten und ihre Bewegungen sind messbar und der Künstler Raviv Ganchrow hat eine Apparatur in den Erdboden am Moabiter ZK/U versenkt, die eben diese Ströme abnimmt. Das alles umfassende Signal dieser sogenannten tellurischen Ströme wird in seiner Klanginstallation „westhafen ground-electric“ hörbar gemacht, und auf eine Reihe von Lautsprechern im Ausstellungsraum verteilt. Aktivitäten der näheren Umgebung, der Berliner Stromversorgung bis hin zu Gewitterblitzen, die tausende von Kilometern entfernt in den Boden einschlagen und deren Ladungen in Lichtgeschwindigkeit durch die Erde rasen, werden hörbar. Spinozisten nennen das die Univozität des Seins. Do-So, 14-19 Uhr, Siemensstraße 27 (U-Bhf Birkenstraße oder S/U-Bhf Westhafen), Eintritt frei
Samstagabend – Was Menstruationsblut, Leni Riefenstahl, Sprühkleber und Motten gemein haben? Nach Spinoza sind auch sie natürlich Emanationen des Seins. Ganz so schnell fertigt das Kollektiv Reflektor das Thema allerdings nicht ab. Die Gruppe hat sich mit dem Knüpfen von Verbindungen zwischen auch maximal disparaten Gegenständen beschäftigt und stellt die Resultate in Malereien, Skulpturen, Live-Performances und Videoinstallationen aus, sorgt außerdem für Verpflegung und Gesprächsatmosphäre. Entbehrliche Mitbringsel von Gästen werden in ein im Laufe des Abends entstehendes Kunstwerk eingebaut – wer also der Kunstwelt seinen eigenen Stempel aufdrücken möchte, bringe ihn heute Abend einfach mit in die Weisestraße 27 in Neukölln (U-Bhf Leinestraße).
Sonntagmorgen – Um Alles oder Nichts geht es oft genug auch in Liebesangelegenheiten, wie die Komponistin Chaya Czernowin ab 11 Uhr musikalisch verdeutlicht: Sie führt bei der Matinee in der Deutschen Oper (11 Uhr, 8 Euro) anhand von Liebesliedern durch die Jahrhunderte der abendländischen Musikgeschichte und stimmt das Publikum schon mal auf die kommende Uraufführung ihrer Oper „Heart Chamber“ ein, die in drei Wochen folgt. Für Spinoza war das Gefühl übrigens eine Art unklare Erkenntnis und damit schon ziemlich nah dran an Vorstellungen vom Wissen. Um multimodale „Formate der Wissensproduktion“ geht es auch im Haus der Statistik, außerdem um „Spiele als Stadtforschung“ und um die „Offenheit der Form“ – und all das anlässlich des hundertjährigen Bestehens der Polnischen Republik. Wie das alles zusammenhängt, ist von 10 bis 16 Uhr im Haus der Statistik, Otto-Braun-Straße 70-72 in Mitte (S/U-Bhf Alexanderplatz) zu erfahren.
Sonntagmittag – Um den Ablenkungen der Moderne zu entkommen und dem bloßen Sein auf die Spur zu kommen, hat es schon viele Dichterinnen und Denker in die Natur gezogen. Im Botanischen Museum werden einige Grundelemente menschlicher Existenz in einem künstlerischen Programm unter dem Titel, „Licht Luft Scheiße“ beleuchtet. Von 15 bis 16 Uhr gibt es eine Kuratorinnenführung durch die Ausstellung, die damit endet (das Museum bleibt danach wegen Sanierung bis vsl. Ende 2022 geschlossen). Schon bei Henry David Thoreau hatte der Rückzug in die Natur übrigens nichts Romantisches an sich: Dessen Hütte im Wald diente einer klar definierten philosophischen Reflexion über das Sein. Eine spinozistische Note schwingt übrigens immer mit, wenn man die Natur als Komplex unzähliger Kreisläufe denkt, in dem alles mit allem zusammenhängt.
Sonntagabend – Da seine Ideen ihm im 17. Jahrhundert kaum Freunde bescherten, wurde Spinozas Leben mehrfach bedroht, er wurde verstoßen, musste untertauchen und aus Amsterdam fliehen. Denn wenn alles gleichermaßen Ausdruck desselben Seins ist, lassen sich keine Hierarchien rechtfertigen, alles rückt mit allem auf Augenhöhe – Herrscher werden Mitmenschen, die Bibel einfach ein Buch. In diesem emanzipatorischen Sinne tritt auch das Ensemble Xenon im Ausland auf (20 Uhr, Lychener Straße 60, Prenzlauer Berg, Eintritt: 9 Euro). Benannt nach dem Edelgas Xenon, das mittlerweile zur Ausleuchtung von Fahrbahnen verwendet wird und vom Altgriechischen ξένος stammt, was auf deutsch „fremd“ bedeutet, hat es einen edlen Klang, mit dem es die Randbereiche des musikalischen Empfindens ausleuchtet und den Anspruch, sein Publikum stets mit einer Note Fremdheit zu konfrontieren. Entsprechend hat es bereits zahlreiche Stücke verschiedener Komponistinnen uraufgeführt. Das heutige Programm aber heißt „in our own speech“ und der Name ist Programm: „Eigene Sprache“ bedeutet hier improvisierte Musik, die sich keiner kompositorischen Macht beugt. Und da improvisierte Musik im Vorfeld stets unbekannt ist, gibt es hiermit ein offenes Wochenendeende.