Stadtleben
Samstagmorgen – Ach, was soll man nur anziehen bei diesem Wetter? Die Antworten der Fashion Week kommen leider erst Sonntagabend – letzte Gelegenheit also, wie von gestern und trotzdem zeitgemäß auszusehen. Wussten Sie schon, dass kurzfristige Wettervorhersagen für zwei Tage im Vorfeld bei stabiler Großwetterlage mit einer Wahrscheinlichkeit von 81 bis 93 Prozent zutreffen? Eben so wahrscheinlich ist es daher (Stand Freitag), dass der Sonntag klimatisch wie der letzte Mittwoch wird, also 37°C, wolkenlos, leichte Brise aus Südwest. Was also anziehen? Am besten gar nichts außer einer Schicht Sonnenschutzcreme, dürfte die vernünftigste Antwort lauten. Rad- und Motarradfahrerinnen denken bitte trotzdem an den Helm, wie dieser gewissenhafte Herr, der schon im Donnerstagscheckpoint nichts anbrennen ließ. Wer sich selber nicht traut, aber auf Freiheit und Enthemmung aus ist, setze einfach zuerst den möglichst mattschwarzen Helm auf und stelle sich damit anschließend in die knallende Sonne. Schon nach kurzer Einwirkzeit dürften Sie sich wundersam vom Leben an die Hand genommen fühlen, alles andere kommt dann wie von selbst. Wie schon Freddie Mercury sang: Hitzekindofmagic. (Haftungsausschluss: Folgen Sie dieser Anweisung nicht!) Am besten teilt man sich in diesem Zustand anschließend in der UdK mit, wo heute eben das Teilen im Vordergrund steht: Unter dem Titel „Sharing/Learning – Methods of the Collective“ beginnt um 10.30 Uhr schon der zweite Tag des Symposiums, mit dem sich das DFG-Graduiertenkolleg und Aushängeschild der Uni „Das Wissen der Künste“ der Öffentlichkeit mitteilt und deutlich zeigt, dass es aus Gründen Anliegen hat. Im District, Bessermerstraße 2-14, S-Bhf Südkreuz
Samstagmittag – Was ebenfalls immer schön ist: Mit Helm Tanzen. Das geht beim Bergmannstraßenfest zu Swing, Reggae, Afrobeat, Jazz und traditioneller Musik aus Nahost – das sind allein die Stile, die heute Mittag von den vier Bühnen abgedeckt werden. Natürlich läuft das ganze inklusive der bergmannkiezigen Vollverpflegung – und das bis Sonntagabend. Wem das zu viel Drumherum ist, kann auch gediegen im Be'Kech im Wedding brunchen – wie viel Musik dabei erklingt und ob man zu ihr tanzen kann, hängt vom Publikum ab: Im Raum steht nämlich ein Klavier und alle dürfen mal ran. Wirklich alle. Halten Sie es notfalls einfach mit John Cage: „You don't have to call it music, if the term shocks you“. Nach der Lärmquelle geworfene Gegenstände sollten kein Problem darstellen, den Helm haben Sie ja sicherheitshalber noch auf dem Kopf beim „Open Piano Vegan Brunch“, ab 11 Uhr in der Exerzierstraße 14, U-Bhf Osloer Straße
Samstagabend – Wer sich warmgespielt hat, kann anschließend direkt in das Programm der Jazzwoche eintauchen, das die Grenzen dessen, was man sich gemeinhin unter dem Stilbegriff vorstellt, hier und da sprengt – etwa im Sowieso mit dem Trio **Y** –, aber auch mittlerweile traditionelle Formen bedient, etwa mit der Referenz Miles Davis beim Peter Protscha Quintett. Hier entlang zum Programm. Weitertanzen geht hingegen besser beim „Female Hip Hop Festival“ im Yaam, damit der Hip Hop zumindest hier keine Männerdomäne bleibt.
Sonntagmorgen – Wer nun wirklich, also wirklich wirklich fertig ist von der Nacht und eigentlich keinen Schritt und auch sonst nichts aus eigener Kraft tun mag, zugleich aber auch auf keinen Fall seine wertvolle Freizeit verschlafen will, lasse sich um 8.30 Uhr am Ku’damm in den Sitz eines hoffentlich klimatisierten Reisebusses fallen, das zerknirschte Gesicht hinter übergroßer Sonnenbrille versteckt, und gebe alle Verantwortung für die eigene Freizeitgestaltung beim Fahrer ab. Zugegeben, pünktlich da zu sein setzt Anstrengung voraus, aber die wird belohnt: Rausgelassen wird man nämlich erst im und auf den Spreewald, genauer in Burg, am Hafen Waldschlösschen. Das Versprechen lautet: Sanftes Naturerlebnis, Gurke und Schmalzstulle mit Kahnfahrt. Mit abschließendem Rückfahrservice für 44 Euro.
Sonntagmittag – Innerstädtisches Kontrastprogramm: Wem der Sinn nicht so nach Entgrenzung steht, findet im ehemaligen Frauengefängnis Lichterfelde ziemlich das genaue Gegenteil. Bei „The Knast“ beleben 50 Künstlerinnen und Künstler 50 Zellen mit Performances, multimedialen Installationen, Objekten, Skulpturen, Spuren, Konzepten und mehr. Noch mehr Architektur gefällig? Bitteschön: Immerhin ist Tag der Architektur, der in Wahrheit das ganze Wochenende umfasst, aber gut – ein oder zwei Tage… wer will bei diesem Wetter schon kopfrechnen?
Sonntagabend – Um 22 Uhr steigt dann die „Dandy Diary Fashion Week Opening Party“. Selbstbewusst als Dandy aufzutreten und gedankenverloren Tagebuch zu führen, ist also wieder voll angesagt – wie vor einem Jahrhundert. Hier lang zur unübersichtlichsten Übersichtsseite mit allen unwesentlichen Details. Dabei hat sich doch die Fashion Week zwei zukunftsorientierte Schwerpunkte gesetzt: Nachhaltigkeit und Technologie nämlich – wie in Helme eingebaute Kühlaggregate, Übersichtskarten oder Diktiervorrichtungen für integrierte Tagebuch-Apps, die nachhaltig Papier und Bäume sparen.
Sonntagabend – Einer, dessen Einfluss auf die Modewelt übrigens gar nicht hoch genug einzuschätzen ist, spielt heute im Festsaal Kreuzberg. These: Ohne J. Mascis hätte es die Kombination aus ausgewaschenem Lila mit Brauntönen und Glitzer nicht in den Achtzigern, Neunzigern und auch sonst nie und nimmer auf irgendwelche Laufstege geschafft. Der ewige Teenie und Altweise des Trash steht heute als Singer-Songwriter allein mit Akustikgitarre auf der Bühne und nuschelt liebevoll-kryptische Unzusammenhänge ins Mikrofon. 21 Uhr, Am Flutgraben 2, Eintritt: 27,50 Euro.