Wochniks Wochenende: Workout, Systemfehler, Platznot und süßes Nichtstun
Samstagmorgen – Damit sich niemand beim Betrachten absurder Blockbuster-Stunts vom Bett aus, mit Chips und Dips zur Hand, allzu schlecht fühlt, beginnen wir den Tag mit Bewegung. Für die Klassiker braucht man nur sich selbst und wenig Platz: Sit Ups, Kniebeugen und Liegestütze. Wer mehr Abwechslung will, sollte im App-Store seines Misstrauens einen Blick in die reichhaltige Auswahl an Workout-Apps werfen. Es gibt kostenfreie und übeteuerte, solche, die der Entspannung und Fokussierung dienen, die die Beweglichkeit steigern, die einen mit militärischem Drill zur Sau machen – so sollte für alle was dabei sein. Übrigens soll sich der Blick in eine Anleitung auch zum Ausführen der Klassiker lohnen, denn die werden allzu oft falsch gemacht. Einen guten Ruf genießt übrigens die Yoga-App Asana Rebel oder, für Eilige, der schnelle Zirkeltrainer Seven.
Samstagmittag – „Glitch Art“, von glitch, dem Fehler, ist eine Kunstform, die auf fehlerhaften Dateien beruht, die etwa bei Schreibfehlern auf Festplatten, durch beschädigte Hardware, Kompatibilitätsfehler entstehen –eigentlich muss man das nicht im Detail verstehen. Es genügt, zu wissen, dass Systeme, pi mal Daumen, umso anfälliger sind, je komplexer sie werden. Glitch-Künstler machen sich das zu eigen, überlasten Rechner, füttern sie mit unverständlichen Daten und provozieren so Fehler. Das Interessante daran: Normalerweise sind wir nur mit den Benutzeroberflächen der Computer und Handys konfrontiert, wissen aber nichts darüber, was im Hintergrund so geschieht. Fehler machen das sichtbar, sind Blicke hinter die Kulissen der Technologien, die menschlichen Alltag zum großen Teil mitbestimmen. Und das beste: Das Internet ist voll davon. Zum Beispiel hier, hier, hier, hier oder hier.
Samstagabend – Dass auch Clubs das Internet nicht nur zur Vermarktung nutzen, ist längst klar. Seit halbwegs brauchbare Datenraten halbwegs stabil übertragen werden können, gibt es Streaming-Konzerte, bei denen sich entfernte Musikerinnen live zuschalten, um eine Performance vor Ort um, na ja, Ferne zu ergänzen. Die Wilde Renate zäumt diesen alten Gaul jetzt andersrum auf und überträgt die Tanznacht ins Wohnzimmer all derer, die nicht ausgehen können. Wenn man nicht in die Wilde Renate feiern geht, kommt die Wilde Renate eben zu einem nach Hause.
Sonntagmorgen – Wer es, zumal bei diesem Wetter, nicht zu Hause aushält, kann durchaus auch mal raus. Brandenburg und Berlin haben zusammen eine Fläche von rund 30400 Quadratkilometern und eine gemeinsame Einwohnerzahl von 6,2 Millionen. Verteilte man alle Brandenburger und Berlinerinnen gleichmäßig auf Berlin und Brandenburg, stünden jedem etwa 5 Quadratmeter zur Verfügung, was mehr ist als der empfohlene Mindestabstand. In der Fläche, ohne mehrstöckige Gebäude zu berücksichtigen. Man sollte nur nicht gerade mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen. So empfiehlt sich, wie so oft, das Fahrrad. Denn wer schnell genug fährt, fährt nicht nur Viren davon (ohne Gewähr), sondern stärkt zugleich auch das Immunsystem. Gebrauchte Fahrräder gibt es übrigens ab 10 Uhr auf dem Winterfeldtplatz.
Sonntagmittag – Für die Dauer der meisten Quarantäne-Aufenthalte dürfte der Vorrat an Avantgarde-Kunst-Dokumenten des 20. Jahrhunderts bis heute genügen, den die Website ubu.com bietet. Das Projekt gehört neben archive.org sicherlich zu den ältesten und umfangreichsten seiner Art. Ob man nach Beuys, Pipilotti Rist, Nam Jun Paik, Susan Sontag, Martin Kippenberger, Florence Nightingale, Maryanne Amacher, Francis Picabia, John Cage oder „you name it“ suchen möchte, die Seite ist stets eine der ersten Anlaufstellen, um Scans von Originaldokumenten, Filme, Sprachaufzeichnungen, abfotografierte Notizen, Verzeichnisse und vieles mehr zu finden.
Sonntagabend – Natürlich kann man seinen Sonntagabend mit einem Blockbuster ausklingen lassen – wie so viele Sonntagabende zuvor. Und dabei die zerbrechlichen Eindrücke, die man beim Durchstöbern der schrägen Avantgarde-Archive gesammelt hat, im Special-Effects-Bombast ertränken. Wie wäre es stattdessen mal mit Nichtstun? Man setze sich auf einen Stuhl, schalte alles ab, auch das Licht, und überlasse sich der Sonntagabendstimmung. Was dabei so geschehen kann, erklärt Dirk von Lowtzow: „In den Adern des Holzes seh ich Gesichter / Das Ticken der Wanduhr ist wie ein Lied / Die Dinge um mich bilden ein Muster / Das mich unbeweglich umgibt.“ Und Ales Steger dichtet: „Wie jemand, der durchs Fenster ins immer dichtere Dunkel starrt, / Das zurückstarrt ins immer dichtere Dunkel in ihm.“ Wann haben Sie sich eigentlich zuletzt lyrisch betätigt – und wann ergibt sich wohl wieder die Gelegenheit?