Spaziergänge durch die Geschichte und mehr zum Zahn der Zeit
Samstagmorgen – Wer die Welt im Vorübergehen wahrnimmt, verschafft sich nicht nur den größeren Überblick, sondern verringert auch das Ansteckungsrisiko. Vorüber geht bekanntlich auch die Zeit, und das zeigt exemplarisch der Weddinger Schillerpark. Nicht nur ist das Wirken Friedrich Schillers schon wirklich lange her, sondern augenscheinlich auch die letzte Pflege der Anlage, auf die der Namensgeber als grünspanverziertes Denkmal blickt. Wer Lust auf einen ausgiebigen Spaziergang durch des Weddings Grün hat, beginnt in der Brienzer Straße und verlässt den Schillerpark am anderen Ende in der Dubliner – eine fantasievolle Überleitung von Schiller zu Joyce denke man sich selbst –, um anschließend eine Runde um den wenige Minuten entfernten Volkspark Rehberge zu drehen. Dort trifft man auf den Rathenaubrunnen und schließt damit den Kreis zurück zu Schiller. Denn: Der außergewöhnliche Brunnen, ein Wurf von Georg Kolbe, wurde 1930 aufgestellt und vier Jahre später von den Nazis wieder demontiert, weil Rathenau Jude war. Die Bronze wurde eingeschmolzen, 1941 in Schillerform gegossen und im Schillerpark aufgestellt, um dem widerständigen Wedding ein Stück Deutschtum ins Herz zu pflanzen. Die Rekonstruktion des Rathenaubrunnens aus den Sechzigern ist somit auch ein wenig Denkmal der Entnazifizierung.
Samstagmittag – Wer im Anschluss an das immer satter grünende Grün ein Stück weit die Müllerstraße hinabgeht, findet im Schaufenster der Galerie Wedding, Müllerstraße 146/147, von 12 bis 19 Uhr eine Ausstellung von Emily Hunt, in deren Mittelpunkt eine psycho-geografische Landkarte Berlins steht, aus deren Mittelpunkt heraus ein imaginäres Jobcenter die Lockdown-Welt regiert. Die Fantasie-Objekte drumherum, mit Referenzen zu Orten Berlins, sollen ebenfalls zum Ambulieren mit fantasievollem Blick animieren.
Samstagabend – Um auch den Geist in Bewegung zu halten, vielleicht ein bisschen zeitgenössische Philosophie? Alberto Toscano ist durch seine Nähe zum Spekulativen Realismus und seine sozialkritische Arbeit längst eine der präsentesten Grübelstimmen und gibt für alle, die des Englischen mächtig sind, um 18 Uhr eine Online-Lecture über das Abstrakte bei Althusser. Wer keine Lust hat, sich von einem einzelnen Mann die Welt erklären zu lassen, schalte um 19 Uhr in den Stream aus dem Heizhaus der Uferstudios. Statt nur einer Stimme, singen dort in einer Performance ganze Chöre des Spekulativen Texte, bei denen acht internationale Autor:innen darüber spekulieren, was die Chöre aus antiken Dramen wohl über die Gegenwart gesungen hätten.
Sonntagmorgen – Von den Älteren zu den Jüngsten: Der Berliner musikalische Nachwuchs von Jugend Musiziert gibt um 11 Uhr ein Preisträger:innen-Konzert am altehrwürdigen Gendarmenmarkt, das allerdings am besten im Live-Stream übers Handy zu hören ist – so ist sie, die Jugend, gar nicht mehr vom Bildschirm wegzukriegen.
Sonntagmittag – Vom Ohr zum Auge: Bekanntlich ist das Wohlgefühl in den eigenen vier Wänden eng mit der Lichtsituation verknüpft. Wer seine offen vor sich hin flimmernden und flackernden LED-Glühbirnen etwas dämpfen möchte, kann beim Falten von Origami-Lampenschirmen zugleich auch Augenmaß und Feinmotorik trainieren. Sie sind nicht nur günstig und können ganz gut aussehen, sondern sind mit entsprechendem Papier und den heute üblichen, kalten LED-Birnen, nicht mehr brandgefährlich. Bastelanleitungen gibt es im Netz en masse, zum Beispiel hier.
Sonntagabend – Wer dem Flimmern und anderen Stör- und Verfallserscheinungen eher zu- als abgeneigt ist, wird im Allgemeinen auch Gefallen an der Arbeit von Musiker und Künstler Carsten Nicolai aka Alva Noto finden. Als Labelchef von Raster-Noton hat er eine der hierzulande wichtigsten Institutionen für experimentelle, gerne aus Stör- und Nebengeräuschen gemachte elektronische Musik geschaffen. Um 20.30 Uhr streamt er zum Wochenendeende das zusammen mit dem Ensemble Modern kürzlich aufgezeichnete Videokonzert Xerrox Vol.4 in heimische Wohnzimmer. Tickets gibt es ab 10 Euro.