Ein Kunstspaziergang nach Anleitung und ein Barerlebnis zum Mitnehmen
Auch dieses Wochenende gibt es in Berlin viel zu erleben. Dafür muss man sich allerdings warm anziehen. Die Checkpoint-Tipps. Von Thomas Wochnik
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Samstagmorgen – Wind und Regenwetter bei immer weiter dem Gefrierpunkt zustrebenden Temperaturen sind nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine Freizeitgestaltung im Freien. Wer aus dem kommenden Winter hervorgehen wird, ohne den kleinen Prepper in sich entdeckt zu haben, wird vermutlich Winterschlaf gehalten haben. Nicht nur die Mode wird diesen Winter betont funktional, Archäolog:innen der Zukunft werden ihre Freude auch am verstärkten Aufkommen von To-Go-Geschirr und Outdoor-Küche, langen Unterhosen, Iso-Decken oder, persönliches Highlight, falt- und aufblasbaren Sitzkissen im Coronawinter haben. Aluhüte schützen durch die sehr hohe Wärmeleitfähigkeit übrigens nicht vor dem Auskühlen, man sollte schon wenigstens eine Mütze drüber ziehen. Oder einen Hut aus Titan tragen, wenn es unbedingt Metall sein soll – das leitet nämlich weitaus geringer.
Samstagmittag – Derart ausgerüstet steht dem ein oder anderen Spaziergang nichts mehr im Weg, womit auch klar wäre, dass es zurzeit nicht nur auf das Wo, sondern auch auf das Wie des Spazierens ankommt. Dieses Wie auf die Spitze treibt das Openmaps-Projekt des Moabiter ZK/U mit einer von Künstler:innen gestalteten Broschüre, die bereits seit Donnerstag in einigen glücklichen Moabiter Briefkästen auftaucht. Aber auch wer nicht in Moabit ansässig ist, kann sich das Kartenmaterial mit Anweisungen herunterladen, optional selbst ausdrucken und sich damit neue künstlerische Welten zwischen Wedding und Tiergarten erschließen.
Samstagabend – Nur weil man nicht in Bars hineingelassen wird, muss man nicht darauf verzichten, sie zu besuchen. Sa und So von 14 bis 22 Uhr bietet die Neuköllner Keith Bar deshalb ein Bar-Erlebnis zum Mitnehmen – zu trinken gibt es wahlweise den Hot Apple Fitzgerald's oder einen Hot Ginger Baker's, an deren genauen Rezepturen noch gefeilt wird. Jeglichem Hunger wird mit einer Ecke der heißbegehrten Heavy-Metal Pizza of Doom begegnet. Da die Bar besonders für den Musikgeschmack der Belegschaft bekannt ist und das Ohr bekanntlich mit isst, bietet der hauseigene Online-Radiosender Keith F'em das passende Ambiente zum gediegen vor-adventlichen Strobolight-Dinner.
Sonntagmorgen – Auch mit dem richtigen Käsefrühstück kann man sich wunderbar auf den Winter einstimmen. Eine runde Sache ist Dorena Nagel und Can Olcer mit ihrem Yeti No.1 gelungen, einem veganen und zugleich echten Käse. Veganer:innen dürften den Cashew-Camembert aus den Regalen der gemeinen Bio-Ketten längst kennen: Ein Käse, der statt auf Kuhmilch- eben auf Cashewmilch-Basis erzeugt wird, wobei der gesamte Reifungsprozess vergleichbar abläuft. So ist das auch beim schneeweißen Yeti, dessen Geschmack und Konsistenz aber etwas mehr Richtung Ricotta gehen. Das liegt daran, dass er, im Gegensatz zum Cashew-Käse, auf Basis von Sojabohnen bayerischer Biobauern erzeugt wird, was ihn nochmals umweltfreundlicher machen dürfte – Cashewnüsse kommen weit her. Bislang ausschließlich im Direktvertrieb zu beziehen, kosten 160g 5,60 Euro.
Sonntagmittag – Derart gestärkt empfiehlt sich eine verdauungsfördernde Bergwanderung. Wer es sich zutraut, kann zum Beispiel den Pfefferberg erklimmen. Auf dem Gipfel im Kink-Garten wird man von 15 bis 22 Uhr mit Glühwein, Kinderpunsch und Gebäck belohnt. Eine Feuerstelle soll warm, die Vernunft Besucher:innen auf Distanz zueinander halten. Wer es lieber nüchtern angeht, findet, ebenfalls auf dem Berg, im Architekturforum Aedes die Ausstellung Purgatory, auf Deutsch „Fegefeuer“, des Wahlberliners Ai Weiwei, die von 13 bis 17 Uhr geöffnet hat. U-Bhf Senefelderplatz
Sonntagabend – Wer Anfang dieses Jahres einen der großen Streaming-Dienste abonniert und zu dessen Rekordumsatz beigetragen hat – wer nicht? – könnte mittlerweile gelangweilt vom allgemein doch recht homogenen Angebot sein. So richtig skurril, trashig oder künstlerisch gewagt ist kaum ein Angebot der Großen. Ganz im Gegensatz zu dem der guten, alten Filmgalerie 451. Schon zu Zeiten des VHS- und DVD-Verleihs eine Ausnahmeerscheinung, hat die Videothek den Sprung ins Digitale bravourös geschafft. Wer sich in Bezug auf Regisseur:innen wie Roland Klick, Irene von Alberti, Hans-Jürgen Syberberg, Angela Schanelec, Michael Klier, Christoph Schlingensief, Heinz Emigholz, um nur eine Auswahl zu nennen, Bildungslücken eingesteht, der kann sie jetzt füllen.