Was tun wenn das Kulturleben stillsteht? Selber Künstler werden!
Wer viel ausgeht und Kultur genießt, ist derzeit nicht ausgelastet. Unser Kolumnist gibt Tipps fürs Selbermachen. Exklusiv für Checkpoint-Abonnenten. Von Thomas Wochnik
Foto: Michael Reichel/dpa
Samstagmorgen – Social Distancing ist auch Gelegenheit, sich manchen lang gehegten Wunsch zu erfüllen. Sie wollten schon immer mal Trompete, E-Bass oder Schlagzeug lernen – wieso länger warten? Gerade am frühen Samstagmorgen lernen Sie so (schräg) spielend auch Ihre Nachbarn endlich besser kennen, die wahrscheinlich ebenfalls zu Hause sind. Die Idee des Distancing wäre damit allerdings hinfällig. Ein alternativer Weg führt, wie so oft zurzeit, ins Netz. Zum Beispiel ins Chrome Music Lab, wo eine Reihe einfacher Applikationen das Komponieren einfacher Melodien, Akkordfolgen und Beats erlaubt. Wer sich weitreichende Eingriffsmöglichkeiten in die Klanggestaltung wünscht, findet hier, hier, hier und hier Online-Emulationen ganzer Musikstudios, während sich mit dieser und jener Notationssoftware Partituren schreiben lassen.
Samstagmittag – Die meisten Entschuldigungen, das Haus wider besseren Wissens öfter als nötig zu verlassen, hinken gewaltig. Eine ganz gute besteht darin, anderen zu helfen. In vielen Treppenhäusern tauchen derzeit Zettel auf, mit denen Jüngere älteren Nachbarn Einkaufshilfe anbieten. Generell bietet es sich an, sich gut organisierten Freiwilligendiensten und Nachbarschaftshilfen anzuschließen, die Hilfen gezielt koordinieren. Auch der auf Standby gestellte Kulturbetrieb braucht Hilfe. Neben Geldspenden werden gerade Kamera-, Licht- und Tonmenschen sowie Programmierer gebraucht, welche die Live-Streams mitsamt umsetzbarer Bezahlmodelle aufbauen können, denn der Sektor verbraucht gerade nur Reserven. Das mag nach etwas viel klingen für einen Samstagnachmittag, aber irgendwo fängt jede Initiative einmal an. Zum Beispiel damit, darüber nachzudenken, welche Fähigkeiten man hat und wo man sie sinnvoll einbringen kann.
Samstagabend und allein im Singlehaushalt? Schaum in der Badewanne, entspannendes Licht, ein Hörbuch und ein Glas Wein zur Hand vielleicht. Anschließend sollte das Einschlafen, auch ohne ausgegangen zu sein, sanft vonstattengehen. Dating-deprivierte Singles werden es in der kommenden Zeit nicht leicht haben und die Verlockung, irgendeine geheime Party aufzusuchen, ist groß, wenn alle Tage exklusive Einladungen ins Postfach flattern. Der kalendarische Frühling hat am 1. März begonnen, der astronomische am 20. März. Mit einem verspäteten sozialen Frühling, vielleicht erst im Herbst, ist zu rechnen. Bis dahin gilt es, seine Kräfte zu schonen und trotzdem zu Hause zu bleiben.
Sonntagmorgen – Morgendliches Streiflicht schreit schon immer danach, gemalt zu werden. Und wenn jeder Mensch ein Künstler ist, wie Beuys festgestellt hat, ist jetzt die beste Gelegenheit, den eigenen zu entfesseln. Die Kunstgeschichte, wäre eine ganz andere ohne die eremitische Abgeschiedenheit ihrer Protagonisten. Einfach drauflos ist sicher der beste Weg, um zunächst sich selbst kennenzulernen. Will man Anleitung zu seinem Duktus, stellt zum Beispiel der BR aktuell den Klassiker „The Joy of Painting“ mit Bob Ross bereit und jeden Tag kommen Folgen dazu. Ja, der Bob Ross, der indirekt für so gut wie alle in Berghütten-Hotels verstaubenden Landschaftsbilder verantwortlich zeichnet.
Sonntagmittag – Nur weil Unis gerade vorlesungsfrei sind, müssen wir es nicht auch sein. Allein mit sich, mit einem nur auf sich selbst gerichteten Telos, zur Erlangung von Ataraxie und Apathie, galt in der antiken Stoa als Ideal. Notgedrungen könnte die alte Philosophenschule heute eine Renaissance erleben, zumal mithilfe der philosophischen Audiothek der Uni Wien, die schon seit geraumer Zeit Mitschnitte semesterlanger Vorlesungsreihen frei zugänglich macht. Von Aristoteles bis Deleuze, Ästhetik bis Erkenntnislehre – erkenntnisleer dürfte niemand aus diesem Bildungstrip zurückkehren.
Sonntagabend – Zu den Vorteilen der kollektiven Vereinsamung zählt auch, dass Beziehungen zu Mitmenschen plötzlich besonders kostbar werden. Zu den zahlreichen Wegen der Freundschaftspflege, von denen die meisten übers Netz führen, gehört auch das gute alte Briefeschreiben. Die Post wird nach wie vor zugestellt und dem Berühren genau desselben Stückes Papier, das zuvor jemand anderer von Hand gestaltet und in einen Umschlag gefaltet hat, kann in Sachen Sinnlichkeit keine digitale Nachricht das Wasser reichen. Gerade Sonntagabende zählten schon im neunzehnten Jahrhundert zu den besten Rahmenbedingungen einer blühenden Briefkultur – Zeit für ein Reenactment.