Vergessene Komponistinnen, was mit Medien und Dumpling: So können Sie das verregnete Wochenende in Berlin verbringen
Drei eindrückliche Ausstellungen besuchen, bei einer Eröffnung Teigtaschen probieren – oder einem Konzert aus Berlins freier Jazz-Szene lauschen. Die besten Tipps. Von Thomas Wochnik
Die asiatischen Teigtaschen heißen Dumplings. Foto: Getty Images/iStockphoto
Samstagmorgen – Der brave Bürger sitzt im Fernsehsessel und betrachtet selbst die größten Schrecken seelenruhig. Denn dass es die Schrecken gibt, das weiß er sowieso. Aus dem Medium erfährt er aber, dass sie da sind, wo es ihn nicht allzu sehr betrifft – das ist beruhigend. Was ihn aus dem Sessel und in den Wahnsinn treiben kann, ist nicht irgendein Bild, sondern der Ausfall des Empfangs. Dieses Sichtbarwerden des Mediums als Krise, das hat schon unzähligen Medientheorien einen Ausgangspunkt geboten. Den „Materialcharakter“ des Kinos setzt auch die argentinische Filmemacherin Albertina Carri in den Fokus ihrer Arbeit in der DAAD-Galerie (Oranienstr. 161). Ausrangierte Filmprojektoren und 7.000 Meter alte Filmstreifen zerlegt und sortiert sie nach Gesichtspunkten wie Form, Bewegung, Rhythmus und Montage neu. Kino wird so zum Nebenprodukt eines Eigenlebens der Maschinen und damit zu einer Art Theater der Dinge. Di – So, 12 – 19 Uhr, Eintritt frei.
Samstagmittag – Auch die Menschen hinter Han West, dem Dumpling-Spezialisten aus Kreuzberg (Görlitzer Straße) und Neukölln (Selchower Straße) muss es aus dem Sessel getrieben haben. Ab heute um 17 Uhr gibt es nämlich einen dritten Standort im Weddinger Sprengelkiez, Burgsdorfstraße 7. Bonus: Anlässlich der Neueröffnung gibt es alle Dumplings zu 50 Cent / Stück. Zur Wahl stehen Schwein & Schnittlauch, Thai-Hühnchen, Halloumi & Zitronengras (vegetarisch), Seitan & Kohl (vegan) und Zitronengras & Shiitake (vegan). Apropos Neu: Wer zwischen 13 und 25 Jahre alt ist und, statt im Sessel zu versinken, was mit Zukunft machen will, kann sich schon mal kostenlose Tickets für die Tincon am 10. und 11. Juni im Festsaal Kreuzberg sichern. Das Programm der jugendlichen re:publica-Tochter, deren Name ein Kürzel für Teenage Internetwork Conference ist, dreht sich um Themen wie digitale Teilhabe, Zukunftstrends und Politisches.
Samstagabend – Wen es, statt in die Zukunft, eher an die Musikhochschule zieht, schaue und höre sich im Sowieso das Quartett Gratkowski, Matsuno, Sundland und Santner an Saxofon, Gitarre, Bass und Drums an – und prahle bei der Aufnahmeprüfung im Fach Jazz mit Kenntnis der freien Berliner Jazz-Szene.
Sonntagmorgen – Apropos Fernsehen und Schrecken: Regisseur Matti Geschonneck und Drehbuchautor Magnus Vattrodt haben mit „Die Wannseekonferenz“ (aktuell in der ZDF-Mediathek) ein Stück „unerbittlicher Zuschaueranstrengung, Erschütterung und zugleich ein Muss“ geschaffen. Für den Samstagmorgen sei allerdings weniger der Film als ein Besuch des Originalschauplatzes ans Herz gelegt. Die Ausstellung im Haus der Wannseekonferenz ist tgl. 10 – 18 Uhr geöffnet, der Eintritt kostenlos.
Sonntagmittag – Die Möglichkeit zu vollkommen unanstrengenden Spaziergängen über Länder-, Kontinents- und Kulturgrenzen hinweg bietet schon lange die Musik. Sie erlaubt es, in ferne Musikpraktiken hineinzuhorchen und womöglich etwas vom entfernten Lebensgefühl mitzunehmen. Zugleich aber haben die Musiken ferner Länder durch die Globalisierung eine sonderbare Verschiebung erfahren: Westliche Musiktheorie, Ästhetik und Produktionsweise dominieren mittlerweile die ganze Welt, alle anderen regionalen Musiken werden hingegen unter Sammelbegriffen wie „Weltmusik“ oder als „exotisch“ klassifiziert – und zwar nicht nur hier, sondern mitunter selbst in ihren Ursprungsländern. Auf den Grund dieser Logik geht die Ausstellung „don’t be afraid, your little light, lulla, bubbles, all the night…“ in der Neuen Nachbarschaft Moabit (Beusselstraße 44) sowie die Konzertperformance um 18 Uhr.
Sonntagabend – Das Allermeiste dessen, was gerade geschieht, wird schon bald vergessen sein – das war schon immer so. Wer entscheidet eigentlich, was davon Geschichte wird? Auch der Name Marianna von Martines (1744-1812) dürfte den allermeisten Menschen kaum mehr etwas sagen. Um 20 Uhr soll sich das ändern, denn im „Das Kapital“ (Karl-Marx-Platz 18) werden Auszüge aus dem Werk der österreichischen Komponistin, Cembalistin und Sängerin zu hören sein – am Klavier Lucia Brighenti. Die entspannte Gesprächsrunde im Anschluss dürfte noch einige komponierende Frauen aus der Geschichte aufgreifen, die zu Unrecht im Schatten ihrer männlichen Zeitgenossen stehen.