Stadtleben
Samstagmorgen – Beginnen wir das Wochenende mit einem griechischen Frühstück, weil schon so vieles im Griechischen begonnen hat. Europa zum Beispiel. Oder die Poesie, also als Konzept zumindest. Dass man sie mitunter in den Bereich der Kleinkunstabende und Poesiealben zurückdrängt, wird ihr nicht gerecht. Zur Erinnerung: Poesie und Poiesis bedeuten nicht weniger als Machen und Erschaffen. Also das, was getan wird, bevor überhaupt irgendetwas da ist. Um das interessant zu finden, müssen wir uns gar nicht in die Metaphysik begeben. Wenn wir unsere Lebenswelt nämlich mithilfe von Sprache gestalten, sollten wir schlicht wissen, was sie alles mit uns machen kann. In der Poesie, Lyrik, Dichtkunst werden die Möglichkeiten erprobt. Und wo sollte man sich ein besseres Bild davon machen können, als beim aktuellen Poesiefestival? Zum Gesamtprogramm geht es hier entlang. Zeitgleich, bis Sonntag um 19 Uhr, läuft in Neukölln das Kunstfestival 48 Stunden in Futur III – zur Poetik der Dinge sozusagen.
Vorher aber noch das versprochene griechische Frühstück: Das gibt es in der Lenaustraße 22 im Myxa, eine der wenigen Adressen der Stadt, die ein authentisches Dakos zubereiten, aus dem man auch gut in einen tagelangen Brunch übergehen kann – genau dafür ist der Laden nämlich bekannt. Tgl. ab 10 Uhr, U-Bhf Schönleinstraße
Samstagmittag – Es dürfte allerdings auch eine gute Idee sein, sich ein wenig zu bewegen, statt dahingefläzt durchzubrunchen (übrigens ein äußerst rares Wort, dessen Übernahme in den aktiven Wortschatz wir an dieser Stelle ans Herz legen wollen). Genau dazu lädt die 25. Landpartie Brandenburg ein, bei der es neben reichlich regionalem Speis und Trank auch eine Menge Landschaft, Ponys und Kamele, Geschichte und vor allem Brandenburg zu entdecken gibt. Mit dem Programm an sich nicht verbunden, aber gut kombinierbar ist die Installation Breathing Room von Seiji Morimoto in der alten Brennerei in Zernikow, die heute um 16 Uhr eröffnet.
Samstagabend – Da die Schriftstellerin Patrizia Cavalli einer exklusiven Insiderinfo zufolge abgesagt hat, wird Giorgio Agamben sein Gespräch mit ihr wohl ohne sie führen müssen. Das sollte allerdings kein Problem sein, im Gegenteil: Wie man den Philosophen kennt, könnte ihn die anwesende Abwesenheit seiner Gesprächspartnerin zu ganz neuen Formen des Dialogs inspirieren. Wer es etwa wegen exzessiven Durchbrunchens nicht zu der 18-Uhr-Veranstaltung zum Hanseatenweg schaffen sollte, hat Sonntagvormittag um 11 Uhr nochmals Gelegenheit, den Benjamin-Entdecker und Philosophen des Ausnahmezustands auf derselben Bühne zum Thema Die kommende Sprache zu hören. Diesmal ganz planmäßig ohne ohne (sic) Cavalli.
Samstagabend beginnt außerdem die Lange Nacht der Wissenschaften. Bereits um 17 Uhr erfährt zum Beispiel, wer zuvor in Brandenburg unterwegs war und sich über die kuriosen Ortsnamen wunderte, was es mit ihnen auf sich hat. Im Helmholtz-Zentrum für Materialien und Energie findet außerdem um 17.30 Uhr eine Vorführung des Ionenmikroskops statt, dessen fokussierter Gallium-Ionen-Strahl derart scharf gestellt werden kann, dass er Materie zerschneiden kann. Blicke berühren, wusste schon Merleau-Ponty. Oder von Heisenberg. Brutal übrigens, dass die heutige Nacht zugleich auch die Lange Nacht des Brutalismus ist – was soll man nur mit seiner Zeit anfangen?
Sonntagmorgen – Der frühe Vogel fängt… vielleicht noch den Ruf einer Klappergrasmücke im Britzer Garten ein, wenn er unter fachkundiger Führung des Biologen Ansgar Poloczek darauf aufmerksam gemacht wird, dass es sich um eine eben solche und nicht etwa um einen Grauschnäpper handelt. Ab 9 Uhr geht es hier um Wasservögel und ihre Jungen. Treffpunkt Freilandlabor im Britzer Garten, Eintritt 3,50/ 2,50 Euro
Sonntagmorgen – Wer sich zwischen dem Programm im Britzer Garten und einem Flohmarktbesuch nicht entscheiden will: Am Pankeufer gibt es einen Flohmarkt, der sich das Schlendern nicht nur zu Reklamezwecken auf die Fahnen schreibt, sondern auch zu einer entspannten, humanen Zeit öffnet – und das, ohne Abstriche in Sachen Sachen Klasse und Charme zu machen. Ab 11 Uhr in der Uferstraße, U-Bhf Pankstraße
Sonntagmittag – Eingefleischte Romantikerinnen könnten der Idee, die frische Luft und Sonne bei bestem Wetter (ohne Gewähr) gegen die künstlich klimatisierte Atmosphäre des geschlossenen Opernsaals einzutauschen, durchaus etwas abgewinnen. Müssen sie heute aber nicht, denn die Staatsoper unter dem Taktstock von Daniel Barenboim kommt heute aus sich heraus und bringt Brahms Zweite sowie Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert Opus 64 auf den Bebelplatz. Open Air also, 13 Uhr. Die genaue Uhrzeit ist übrigens auch an Thomas Gottschalks langem Schatten abzulesen, der nicht nur als Sonnenuhr, sondern auch als Moderator der Veranstaltung fungiert. Eintritt frei.
Sonntagabend – Alle eben noch laufenden Veranstaltungen der 48 Stunden Neukölln sind um Punkt 19 Uhr vorbei, um 19.30 Uhr hält Sergio Raimondi die von vielen erwartete Berliner Rede zur Poesie 2019 am Hanseatenweg und wer jetzt noch mag – vielleicht weil er durchgebruncht hat – darf sich zum Ausklang des Wochenendes und auf Einladung von Sasha Waltz noch körperlich verausgaben: Im Radialsystem nämlich, beim Dabke Community Dancing, wird der orientalische Kreistanz unter rhythmischer Führung von Medhat Aldaabal & Ali Hasan als offener Workshop abgetanzt. Geeignet für Menschen aller Altersgruppen ab 10 Jahren, ohne Vorkenntnisse und mit freiem Eintritt.