Berlin als Ausstellung, Erzählkunst und psychoanalytische Pflanzenkunde
Samstagmorgen – Die größte Dauerausstellung Berlins ist Berlin selbst. Wer seinem Wochenend-Spaziergang eine galeristisch-museale Note verleihen möchte, lege sich seine Route entlang der unzähligen Skulpturen und Murals im öffentlichen Raum. Zufällig ist heute auch Weltgeschichtentag, und um die Geschichte geht es zum Beispiel in der fast versteckten Installation von Micha Ullman am Bebelplatz. Wer ein wenig sucht, findet hinter einer in den Boden eingelassenen Glasplatte einen Raum mit leeren Bücherregalen, die an die über 20000 von den Nazis 1933 verbrannten Bücher und darin enthaltenen Geschichten erinnern. Ein Stück feministischer Avantgarde findet sich in der über vier Meter hohen Skulptur „Die Doppelgängerin“ von Valie Export, vor dem PalaisPopulaire (Unter den Linden 5). Zwei riesige, ineinander verschränkte Scheren öffnen Assoziationsräume zu klassisch weiblich besetzten Tätigkeiten wie Schneidern und Nähen, verschränkt mit männlicher Kastrationsangst und Gewalt.
Samstagmittag – Einen Sprung von den großen historischen Erzählungen zu anekdotischen Miniaturen in Bohnengröße geht die österreichische Autorin Teresa Präauer mit ihrem Sammelband „Das Glück ist eine Bohne“ (Wallstein Verlag, 2021). Um 17.04 Uhr überträgt rbbKultur ein Gespräch zwischen der Autorin, der Kritikerin Anne-Dore Krohn und Literaturvermittler dem Thomas Geiger aus dem Literarischen Colloquium Berlin.
Samstagabend – Der größte Teil aller Gegenwart geht im Rauschen der Ereignisse unter, ohne je in die Geschichte einzugehen. Geschichte muss eben erzählt, wiedererzählt und gehört werden. Darum ist heute ja, wie gesagt, Weltgeschichtentag. Der Berliner Verein Erzählkunst steuert gleich dreifach Programm dazu bei: Am Rhododendronhain im Volkspark Hasenheide erzählen, sofern es nicht regnet, von 13 bis 14.30 Uhr Sprecher:innen Kindern und Eltern Geschichten, und das mit Harfenbegleitung und Abstand. Um 20 Uhr erzählen Silvia Freund, Dörte Hentschel und Hannah Hofmann die Geschichten bedeutender Förderinnen der Erzählkunst aus dem letzten Jahrhundert via Zoom-Call. Auf der Streaming-Platform Soundcloud ist eine Auswahl von Erzählungen für Kinder und Erwachsene abrufbar. Alles kostenfrei.
Sonntagmorgen – Die allerbesten Zuhörer:innen, wenn sich sonst niemand findet, sind übrigens Zimmerpflanzen. Ihre freundlichen Reaktionen können zwischen farbenprächtiger Blüte und (psycho-)analytischem Schweigen liegen, manche, wie die Korbmaranten, heben oder senken sogar geräuschhaft die dekorativen Blätter aus Zustimmung. Andere, wie die extrem pflegeleichten Monstera, lassen ihre auch bei drögesten Vorträgen nicht so schnell hängen – perfekt für alle, die wenig Zeit haben oder sich nicht allzu viel florale Verantwortung zutrauen. Und wer die häusliche Ruhe zelebrieren möchte, stelle sich als ein Stück Antikunst eine Geigenfeige ins Zimmer – die sieht aus wie tausend Geigen, die keinen Laut von sich geben. Kompetente Beratung, Pflegehinweise und ein breites Angebot gibt es zum Beispiel bei The Botanical Room (Manteuffelstraße 73, Kreuzberg) und der Königlichen Gartenakademie(Altensteinstraße 15a, Zehlendorf). Oder, mit hauseigenem, klimaneutralem Lieferdienst, der auch große Pflanzen befördert, bei Bosque.
Sonntagmittag – Wer es dagegen monochrom bevorzugt, kann seinen Augen in der Galerie Mazzoli (Eberswalder Straße 30) etwas Ruhe gönnen: Flüchtiges aus Geschichte und Gegenwart, wie Browserfenster, Icons und Likes, hat der Berliner Bildhauer Lukas Liese in weißem Marmor aus dem italienischen Carrara verewigt – womit er auf den Spuren Michelangelos wandelt, der seinen ebenfalls dort her hatte. Die monumentalen Marmorfelsen von Carrara sind durch industriellen Abbau des weißen Steins übrigens längst irreparabel ausgehöhlt und somit wiederum selbst flüchtige, traurige Geschichte.
Sonntagabend – Noch bis zum 28. März findet das Festival Maerzmusik statt, das zum heutigen Wochenendeende, von 20 bis 0 Uhr, ein vierstündiges Marathon-Konzert der New Yorker Experimental-Formation Bang on a Can live überträgt. Darüber hinaus bietet das Programm Uraufführungen, Online-Workshops, Filme und mehr, zu hier unbekannten Wissensformen aus den Anden, afrodiasporischem Experimentalismus und filmischen Komponist:innenportraits. Etwa über die französische Vorreiterin elektroakustischer Musik, Élaine Radigue (Jhg. 1932), die als Frau in gleich mehreren klassischen Männerdomänen wie der Komposition, Audiotechnik und physikalischen Akustik längst Ikonenstatus genießt.