Mit Kunstbüchern den Alltag gestalten
Der Kulturbetrieb ist heruntergefahren. Aber Galerien und Kunstbuchhandlungen haben geöffnet. So wird der November weniger grau. Die Checkpoint-Wochenendtipps. Von Thomas Wochnik
Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Samstagmorgen – Was ich in den letzten Tagen öfter gesehen habe: Picknick im Auto. Bei laufendem Motor, klar, wegen der Kälte. So verständlich der Drang sein mag, etwas „draußen“ zu unternehmen – das wirkt schon ziemlich verzweifelt. Für alle, denen das bloße Wohnen unerträglich wird, gibt es durchaus noch Lockdown-konforme Draußenangebote. Der Kulturbetrieb mag weitestgehend heruntergefahren sein. Galerien, die dem Verkauf von Kunst dienen, zählen allerdings zum Einzelhandel und haben häufig geöffnet. Schon aus Eigeninteresse sorgen sie für die Einhaltung der Auflagen, sind wärmer als Frischluft und besser durchlüftet, als ein Diesel rotzendes Standfahrzeug. Sicherheitshalber empfiehlt es sich, sich vor einem Besuch telefonisch anzumelden – zum Beispiel bei Soy Capitàn, wo der Brite Ryan Siegan-Smith herbstliches Laub, Geröll und Schrott von der Straße in eine durchaus humorvolle postapokalyptische Landschaft verwandelt hat. Mi–Sa, 12–18 Uhr, Prinzessinnenstr. 29
Samstagmittag – Selbiges gilt natürlich auch für den Buchhandel – und insbesondere für den Kunstbuchhandel. Kunstbücher haben es an sich, dass sie nicht nur zum Lesen und Betrachten da sind, sondern voller Ideen zur künstlerischen Gestaltung des eigenen Alltags stecken. Erwin Wurms „One Minute Sculptures“, die Aktionspartituren Alvin Luciers, Aktionen Francis Alÿs, die Spaziergänge Janett Cardiffs und Richard Longs oder Zugänge zum Alltag der „Situationistischen Internationale“ sind nur einige der Klassiker, die beim Ausbruch aus den allzu engen Lockdown-Routinen helfen, ohne auf institutionelle Angebote angewiesen zu sein. Schließlich ist jeder Mensch ein Künstler, wie Beuys feststellte – wann, wenn nicht jetzt, wäre eine bessere Zeit, diese Seite des eigenen Selbst zu entdecken? Selbsttransformation ist das größte aller Kunstprojekte, wenn man Susan Sontag glaubt.
Samstagabend – Selbstredend gehört auch die Arbeit Marcel Duchamps in den Kanon geeigneter Inspirationen. Wussten Sie, dass er zwischenzeitlich die Kunst an den Nagel gehängt hat, um sich als professioneller Schachspieler zu versuchen? Auch Online- und Fernschach boomen im Lockdown und wer schon ein bisschen was kann, aber im Spiel der Königinnen (die Könige stehen eigentlich nur nutzlos im Weg) weiterkommen möchte, findet in der Online-Schachschule Chessence des Berliner Großmeisters Niclas Huschenbeth einen ziemlich guten Einstieg. Grundkurse dauern sechs Monate und kosten ab 27 Euro/ Monat.
Sonntagmorgen – Auf den Schachgeschmack kommt man übrigens bestens über die Netflix-Serie Das Damengambit, die nicht nur hervorragenden Schach bietet – kein Wunder, waren doch auch ehemalige Weltmeister wie Garry Kasparov für die Auswahl der Partien verantwortlich. Sie erzählt außerdem die fiktionale Aufstiegsgeschichte einer Frau an die Weltspitze einer völligen Männerdomäne, die längst reif ist, im besten Sinne effeminiert zu werden.
Sonntagmittag – Nachdem wir im ersten Lockdown alle schon fleißig das Briefschreiben geübt haben, heben wir es jetzt auf die nächsthöhere Ebene. Und zwar mit den 1961 erschienenen Stilübungen von Raymond Queneau. Im Bus begegnet einer einem, der sich, erbost über einen dritten, setzt. Später begegnet er ihm an der Cour de Rome, wo ihn wiederum ein dritter auf einen fehlenden Knopf am Mantel hinweist. Mehr braucht Queneau nicht, um in der deutschen Übersetzung 160 Seiten zu füllen, auf denen dieselbe Szene genau 101 Mal in immer anderer Weise erzählt wird. Ohne zu langweilen. 101 Formen, die den besten Gegenbeweis für alle liefern, die immerzu darauf bestehen, dass es bei allem nur auf den Inhalt ankommt. Den braucht dieses Buch einfach nicht. Es ist außerdem das einzige mir bekannte, dessen Klappentext auf Seite 38 steht.
Am Sonntagabend, zum Wochenendeende, Live-Radiokonzert. Der Satz ist ein schlechtes Haiku. Dem Einfluss Queneaus geschuldet, hat es rein gar nichts damit zu tun, dass das Rundfunk-Symphonieorchester Berlin (RSB) Stravinskys „Apollon musagète“ unter der Leitung von Antonello Manacorda aufführt, was wiederum im Deutschlandfunk um 20 Uhr live übertragen wird. Es handelt sich dabei um ein Ballett, das, da es eine Radioübertragung ist, in den Köpfen der Hörerschaft getanzt werden muss.