Anregungen für ein schönes Wochenende in Berlin
Einer Lesung über Gastarbeiterkinder lauschen, die Aufführung eines US-Musikers besuchen oder zu Hause bleiben – mit Podcast und Buch. Unsere besten Tipps. Von Thomas Wochnik
Die Neue Nationalgalerie in Berlin. Foto: Magdalena Tröndle/dpa
Samstagmorgen – Abwarten, Teetrinken. Zum Glück ist das Wetter so mies, dass sich das Gefühl, draußen etwas zu verpassen, in Grenzen hält. Die größten Glücksgefühle bekommt man derzeit sowieso im Impfzentrum. Dort erhält man nicht nur Zugang zu kulturellen Veranstaltungen mit 2G+-Regel. Mit dem Besuch ermöglicht man diese überhaupt erst. Denn ohne Publikum keine Kultur. Über symbiotische Beziehungen und die Verbundenheit allen Seins kann man hervorragend bei einer Tasse Tee nachdenken – etwa von Kos-Tea (Heinrich-Roller-Straße 6 in Prenzlauer Berg) oder Bohea (Niederbarnimstraße 3 in Friedrichshain). Die beste philosophische Adresse zur Allverbundenheit heißt übrigens Baruch de Spinoza. Dass seine Ideen zur, wie er es nannte, „Univozität des Seins“, auch heute noch Aktualität haben, will eine Spinoza-Reihe heute Abend um 19.30 Uhr im „diffrakt – Zentrum für theoretische Peripherie“ (Crellestraße 22, Schöneberg) zeigen.
Samstagmittag – Apropos Einheit: Die Deutsche Einheit gilt als deutsch-deutsche Erfolgsgeschichte. Aber fehlt da nicht was? Zum Beispiel die Tausenden von Gastarbeiterkindern, die etwa in Kreuzberg im Schatten der Mauer aufwuchsen, Nachkriegsdeutschland mit aufbauten und vom Mauerfall ebenso betroffen waren, wie ihre deutschen Freunde und Kolleginnen — als es aber an die Feierlichkeiten ging, ausgeschlossen wurden. „Der Mauerfall ist im migrantischen Gedächtnis Berlins eine offene Wunde“, sagt Autorin Maria Alexopoulou. Anlässlich des 60. Jahrestages von Mauerbau und deutsch-türkischem Anwerbeabkommen veranstaltet nun das Literaturkollektiv Daughters and Sons of Gastarbeiters eine Lesung im SO36, um 17.30 Uhr. Vorgestellt wird hier das Buch „Grenzerfahrungen“, (Yılmaz-Günay Verlag, Berlin 2021).
Samstagabend – Alles will uns etwas sagen – seien es Reklametafeln, Banner auf dem Bildschirm, oder die Kleidung von Mitmenschen in der U-Bahn. Ist nicht deshalb das Meeresrauschen oder der Wind im Waldgeäst so entspannend anzuhören? Die wollen uns nämlich gar nichts sagen. Eine Note dieser Naturästhetik steckt auch in der Musik des US-Komponisten Earle Brown. Aus dem Dunstkreis von John Cage, Merce Cunningham und Morton Feldman stammend, ist er hierzulande nicht ganz so bekannt wie seine Mitstreiter. Die Neue Nationalgalerie will das mit einer Aufführung von Browns „Calder Piece“ im Rahmen der laufenden Alexander-Calder-Ausstellung ändern, heute und Sonntag um jeweils 19 und 21 Uhr.
Sonntagmorgen – Apropos Neue Nationalgalerie: Wer sein Wissen über das Bauhaus einmal über die gängigen Klischees und Vereinfachungen hinaus befördern möchte, höre mal in den Podcast des Bauhaus-Archivs „About Bauhaus“ hinein. Kunsthistorikerin Adriana Kapsreiter seziert darin gängige Bauhaus-Legenden, „um ein vielschichtiges Bild der legendären Schule für Gestaltung zu zeichnen“, wie es im Programm heißt. Und das im Gespräch mit Expert:innen des Bauhaus-Archivs und Künstlerinnen wie dem Szenenbildner Uli Hanisch, der Kuratorin Kristin Bartels, dem Fotografen Sven Marquardt oder die Berliner Dragqueen Jurassica Parka.
Sonntagmittag – Vom Bauhaus zum Baugerüst: Hinter einem solchen versteckt, hat Genuss-Experte Ulrich Amling „einen Lichtblick“ kulinarischer Art entdeckt: Zum Heiligen Teufel heißt das Restaurant in der Lübbener Straße 23, das Gegensätze vereint. Zum einen im Menü: „Die Zutaten sind wunderbar in ihrer Klarheit zu erkennen und gehen zugleich eine ungezwungene Beziehung miteinander ein.“ Und zum anderen in Sachen Nachbarschaftspflege, denn offenbar haben Nachbar:innen, die sich ein stilles Kreuzberg wünschen, die Polizei auf Kurzwahl, weshalb um 22 Uhr Schluss ist.
Sonntagabend – Apropos Gentrifizierung… Nach dem Essen zunächst ein Spaziergang nach Neukölln: Im netten Café Plume (Warthestraße 60) wird um 19 Uhr ein Buch vorgestellt. Der Rückzug aufs Papier ist schließlich nicht nur zeitgemäß, sondern eigentlich auch gar keiner, wenn sich beim Lesen ganze Welten auftun, gar die Revolution ausgerufen wird. „Rebellisches Berlin – Expeditionen in die untergründige Stadt“ lautet der Titel, der von Berliner Widerständigkeit vom Mittelalter bis zu aktuellen Gegenbewegungen zu Gentrifizierung und Rechtsradikalismus erzählt.