Das können Sie am Einheitswochenende in Berlin erleben
Im Club der polnischen Versager LGBT-Party feiern, sich in der Kirche von Klaviermusik ins Herz treffen lassen – oder DDR-Mode neu entdecken. Die Wochenendtipps. Von Thomas Wochnik
Titelseite der DDR-Frauenzeitschrift "Sybille" von 1989. Foto: Promo
Samstagmorgen – Zum Start ins Einheitswochenende gleich ein Riss: Metabolic Rift heißt die Kernausstellung des Festivals Atonal Berlin im Kraftwerk, die eigentlich mehr einer Geisterbahn als einer Ausstellung gleicht – aus dem Nichts soll die Kunst hier in entlegenen Winkeln des Baus auftauchen und wieder dorthin verschwinden. Und das ohne Schreckensmoment, dafür aber mit einer immersiven Erfahrung für das Publikum. Wer bei solchen Erscheinungen wegen Derridas Aufsatz an „Marx’ Gespenster“ denkt (wer nicht?), liegt gar nicht mal daneben – der Ausdruck „Metabolic Rift“ bezeichnet nämlich klassisch die irreparable Entzweiung von Mensch und Natur, wie sie eben schon Marx thematisiert.
Samstagmittag – Eine gewisse Entzweiung empfindet auch der in Berlin lebende Musiker Jemek Jemowit. Der gebürtige Pole schaut schon seit geraumer Zeit mit Sorge auf die Tendenzen in seiner Heimat, queere Menschen zu diskriminieren und veranstaltet nun zum zweiten Mal eine Polophobia-Party, diesmal im Club der polnischen Versager, 18 Uhr. Anlass ist das Erscheinen seines vierten Albums „Legenda Zygmunta Blask“ – „Die Legende des Zygmunt Blask“. Der Namensgeber ist übrigens ein polnischer Glamrock-Star der Siebziger, den Jemowit durch Mimikri (nicht zu verwechseln mit mimimi) in die Gegenwart versetzt. Eintritt: 10 Euro.
Samstagabend – Versöhnlich dagegen soll die Musik von Joep Beving sein, dessen Klavierspiel, wie man liest, selbst das kaltblütigste Publikum mitten ins Herz treffen soll. Etwas Wärme auf Vorrat also, für die immer kälter werdenden Tage, gibt es um 19 Uhr in der Passionskirche zu 29,80 Euro.
Sonntagmorgen – Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat lauten die Namen der vom NSU mit rassistischer Motivation getöteten Menschen – in den Räumen des Gorki Theaters kann man zurzeit nicht nur lernen, sie richtig zu schreiben und auszusprechen. Die Ausstellung „Offener Prozess“ mit umfangreichem Rahmenprogramm thematisiert auch kritisch kulturelle Bedingungen des menschenverachtenden Gedankenguts sowie den gesellschaftlichen Umgang mit dem Prozess. 12 bis 22 Uhr, Eintritt frei.
Sonntagmittag – Wenn die Geschichte der DDR selbst im Humboldt Forum nur zur Randerscheinung taugt, müssen eben andere die Erinnerung pflegen. Zum Beispiel „Wir“, was kein Appell an Checkpoint-Leser:innen sein soll. „Wir“ ist der Titel eines Projekts von Künstlerin Michaela Schweiger und dem Kino International, bei dem nach Vorbildern aus der DDR-Modezeitschrift „Sibylle“ sozialistisches Modebewusstsein in Formaten wie Lesung, Tanz, Film, Fotografie und Spaziergang reinszeniert wird. Um 16.30 Uhr beginnt die Tour de Style in der Karl-Marx-Allee 33.
Sonntagabend – Für Dialog und Vermittlung zwischen den Kulturen stand auch der palästinensische Maler, Literat und Theoretiker Kamal Boullata, der am 6. August 2019 unerwartet in seinem Berliner Exil verstarb. Weltweit für seine Kunst und seinen Einsatz bekannt, ist er hierzulande noch immer nur wenigen ein Begriff – eben das will die Galerie Pankow mit der Ausstellung „Geometrie des Lichts“ nun ändern. Di bis Fr 12-20 Uhr, Sa und So 14-20 Uhr, Eintritt frei.