Tipps für das Wochenende in Berlin: die besten Löcher, Leerstellen und Abwesenheiten
Samstagmorgen – Löcher sind so eine Sache, eigentlich sind sie ja gar nichts. Damit Löcher überhaupt erkennbar werden, brauchen sie etwas drumherum. Damit sind sie auch Sinnbild allen Seins, denn im Grunde kann doch nichts ohne etwas existieren – aber das führt vielleicht zu weit. Ein ganz einfacher Weg, der Existenz auf die Spur zu kommen, geht bekanntlich über den Gaumen – ich schmecke, also bin ich. Selbst davon überzeugen kann man sich bei Masha‘s Bagels in der Bouchéstraße 15 (Alt Treptow): Einen ganzen Bagel hat wohl noch niemand je verspeist, es bleibt nämlich stets das Loch in der Mitte übrig. Mi – Fr 8 – 16 Uhr, Sa & So 9 – 16 Uhr.
Samstagmittag – Auch Leerstehende Gebäude sind Leerstellen – gerade in Zeiten von Wohnungsnot – weshalb sie im Laufe der Berliner Geschichte schon häufiger besetzt wurden. Schönes Beispiel ist das Haus Fehrbelliner Straße 7, dem sich in DDR-Zeiten Aktivist:innen der oppositionellen Umweltbibliothek, des Neuen Forums und der alternativen Kunstszene annahmen. Die Punkbands Ornament & Verbrechen sowie Feeling B probten seinerzeit in den Räumen – erstere war ein Projekt der noch heute aktiven Künstler und Brüder Ronald und Robert Lippok, aus letzterer ging 1994 die Band Rammstein hervor. Wer mehr darüber erfahren, sprich, eine klaffende Bildungslücke schließen möchte, tue dies bei einer zweieinhalbstündigen Führung zur Ausstellung von Die Balkone. Start ist in der Fehrbelliner 7 um 15 Uhr.
Samstagabend – Dass Stille die Abwesenheit von Geräuschen sei, ist ein weit verbreitetes Missverständnis – irgendwas klingt schließlich immer. Der US-Komponist John Cage hat einmal beschrieben, wie er in einer sogenannten schallarmen Kammer Stille erwartete, dann aber zwei Dauertöne hörte, einen hohen und einen tiefen. Der tiefe Ton, wurde ihm erklärt, sei das Rauschen des Blutes in seinen Adern, der hohe komme von seinem Nervensystem. Garantiert keiner dieser beiden Töne wird heute Abend im KM28 zu hören sein, wenn Andrew Bernstein am Altsaxophon mit Owen Gardner an der E-Gitarre die Luft in Bewegung versetzen und anschließend Fredrik Rastens Lineament I und II für vier Gitarren, Stimme und Elektronik aufgeführt wird. Eintritt ab 19 Uhr, Platzreservierungen hier.
Sonntagmorgen – Derselbe John Cage sagte übrigens auch, dass die intensivste Musikerfahrung eigentlich am besten ohne Musik funktioniere. Wie das geht, zeigt eine Klanginstallation von tamtam (Sam Auinger & Hannes Strobl) mit Udo Noll von Radio Aporee. Bei Sounding Berlin geht es darum, die Stadt neu zu hören, ihren Rhythmus und ihre Klangfarben. Dabei dienen die eigenen Beine in Verbindung mit der Architektur als Instrument. Klingt mysteriös? Ist es keineswegs. Ästhetische Erfahrung to go gibt es von 11 bis 20 Uhr im Hinterhof des Aufbau Hauses (Kommen und Gehen jederzeit möglich) am Moritzplatz. Eintritt frei.
Sonntagmittag – Auch der Universalgelehrte Rudolf Virchow sah zu seinen Lebzeiten (19. Jahrhundert) in den Leerstellen der Welt vor allem Gestaltungspotenziale. Sein medizinisches Zellenmodell war ihm dabei nicht nur einem besseren Verständnis der menschlichen, sondern auch der sozialen Anatomie dienlich: Er diagnostizierte Staatskrankheiten, die sozialpolitischer Arzneien bedürften – überhaupt war ihm Politik nichts anderes als Medizin im Großen. Die Charité widmet seinem Denken und Schaffen nun eine Sonderausstellung im Medizinhistorischen Museum, Invalidenstraße 86, tgl. 10 – 18 Uhr, es gilt die 2G-Regel. Eintritt frei.
Sonntagabend – Lust auf JWD, aber kein Bock auf beschwerliches Reisen? Kein Problem: In der Ganghoferstraße 2 erklingt ab 19.30 Uhr traditionelle Musik aus Griechenland. Mit Stimme, Geige, Rohrflöte, Laute und Perkussion wollen fünf Musiker:innen sich ihrer Improvisations-Talente bedienen, um Altes neu zu interpretieren, etwa traditionelle Tänze aus Thrakien und Kreta, Klagelieder aus Epirus, Gesänge (Rembetika) aus Piräus und mehr. Um die Abfüllung eventueller durstbedingter Leeregefühle des Publikums kümmert sich die Prachtwerk-Bar – hier das Menü. Einlass ab 18.30, Showbeginn um 19.30 Uhr, Tickets kosten 13,20 Euro im VVK, 15 Euro an der Tür.