Berlin, wie schön du dich anhörst
Die Augen sind müde vom Streamen. Gut, dass es am Wochenende was für die Ohren gibt: Klangskulpturen, Telefontheater und Soundwalks durch den Kiez. Die Tipps von Thomas Wochnik
Foto: Lilja Gunnarsdóttir
Samstagmorgen – Der Wochenendeinkauf ist besonders lästig, wenn man schon vor dem Betreten der Geschäfte Schlange stehen muss. Etwas Entzerrung des Andrangs, den Vorteil zusätzlichen Raums zum Abstandhalten und Delikatessen, die man nicht überall bekommt, bietet in Lichtenberg die Stadtfarm (Allee der Kosmonauten 16), bei der überwiegend regionale Erzeuger ihre Spezialitäten feilbieten. Heute gibt es einen Schwerpunkt auf regionalen Fisch, der besonderen, nämlich „aquaponischen“ Zuchtbedingungen entstammt. Was das bedeutet und mehr erfahren Sie hier.
Samstagmittag – Barbetreiber kennen dieses Herdenphänomen noch aus der Prä-Lockdown-Ära: Solange der Laden leer ist, wollen keine Gäste Platz nehmen. Ist er aber einmal voll, hört der Andrang gar nicht mehr auf. Irgendwo dazwischen muss ein flüchtiger Augenblick liegen, den noch niemand zureichend beschrieben hat. Kleine Kunstgalerien kennen das in der Regel nicht, sich drängende Besucher gibt es allenfalls bei Vernissagen. Beste Bedingungen also für Inspiration mit Abstand in der Auszeit. Von 15 bis 19 Uhr beleuchten Libia Castro und Ólafur Ólafsson, bekannt unter anderem von der Venedig Biennale 2011, auf der sie Island vertraten, Frauenrechte in der griechischen Antike mit einer auf ausgiebigen Recherchen beruhenden Klangskulptur. Danziger Straße 162A, U-Bhf Eberswalder Straße
Samstagabend – Mit dem Ende der Pandemie wird höchstwahrscheinlich auch die Zeit der Streams enden. Schon jetzt zeigen sich nicht nur Ermüdungserscheinungen seitens der Veranstalter und des Publikums, sondern auch alternative Ideen: Das Theaterkollektiv She She Pop verlagert sich aufs Telefon, das sei im Gegensatz zum Internet immerhin verlässlich, persönlich, bi-direktional und außerdem ein vertrautes Medium des Erzählens. Ab 20 Uhr lassen sich Mitglieder des Kollektivs anrufen, um Anekdoten aus dem Theaterleben zu teilen. Das Ganze versteht sich übrigens nicht als Kunst, sondern als Serviceleistung für alle, die schon zu lange keine Gespräche mehr mit Fremden geführt haben. Anweisungen, Telefonnummern und mehr finden Sie hier.
Sonntagmorgen – Anlässlich des 43. Internationalen Museumstags hat das Deutsche Historische Museum eine Handvoll neuer, inklusiver und online-basierter Formate zur Ausstellung Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert entwickelt. Auch bei den telefonischen Führungen für Blinde und Sehbehinderte steht der Fernsprechapparat im Vordergrund. Die „Führungsreferentin“ beschreibt detailliert die Museumsräume und verschiedene Objekte, angereichert mit Zitaten aus Texten und Briefen Hannah Arendts. Und, da das Ganze nicht vom Band läuft, sind natürlich Zwischenfragen möglich (Anmeldung unter fuehrung@dhm.de). Um 11 Uhr gibt es zudem eine Einführung zu Hannah Arendt im Livestream, mehr hier.
Sonntagmittag – Mit der Kunstform Soundwalk hat Janet Cardiff ein elegantes Mittel geschaffen, mit geringem technischen Aufwand, erhebliche Eingriffe in die Wahrnehmung des Alltäglichen zu bewirken. Heute um 12 Uhr bietet der Stadtpark Lichtenberg Gelegenheit, damit aus dem Corona-Alltag auszubrechen. Und so funktioniert es: Hier finden Sie ab Samstagmorgen eine Karte der Route sowie den Link zu einer Audiodatei, die sie herunterladen oder in der kostenlosen Soundcloud-App speichern können. Die Datei hören Sie dann über Kopfhörer (ohne Noise-Cancelling Funktion) im Park und lassen sie mit dem, was um sie geschieht, wechselwirken.
Sonntagabend – Wer sich noch zum Wochenendeende mit schlechten Erinnerungen, unerledigten Aufgaben oder Altlasten plagt, dem sei Oliver Zahns Online-Performance „Lob des Vergessens, Teil 2“ ans Herz gelegt. Anders als ein bloßer Stream, der irgendwas von der Bühne eins zu eins auf den Bildschirm bringen soll und somit immer kompromissbehaftet bleibt, will sich diese Performance formal und inhaltlich mit ihrem Medium auseinandersetzen und seine Möglichkeiten, etwa in punkto Interaktion, weiter ausloten. Ob sie wider die um sich greifende Stream-Verdrossenheit ankommt, erfahren Sie ab 20 Uhr. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, die Anmeldung über E-Mail erforderlich und kostenlos.