Im Hau feiert am Samstagabend eine Performance Premiere – als Stream
Neue Kultur-Streams, neue Fahrradrouten, Ted Talks und Bücher statt Binge-Watching – unsere Tipps für dieses Wochenende. Exklusiv für Abonnenten. Von Thomas Wochnik
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Samstagmorgen – Das Wetter soll heute fantastisch sein, wie es überhaupt fantastisch ist, seit wir weniger davon haben. Wer ein entsprechendes Fenster oder einen Balkon hat, kann sich ein wenig davon zurückholen und seinen Kaffee in der Sonne trinken. Vielleicht sogar schon zum Sonnenaufgang, denn aus Homeoffice-Perspektive macht es kaum einen Unterschied, wann man schlafen geht und aufsteht. Uhrzeiten, die in der Welt da draußen gelten, verlieren ab einem gewissen Grad des Social Distancing jede Verbindlichkeit – so lernt man seine innere Uhr vielleicht etwas besser kennen. Gerade, wer mit anderen zusammenwohnt, kann durch einen asynchronen Rhythmus etwas Alleinseinzeit gewinnen. Allerdings sollte man auch ein Auge darauf haben, was die Drift in die Asynchronizität so mit dem Gemüt macht – gerade, wenn man mit anderen zusammenwohnt.
Samstagmittag – Zum Glück haben wir Internet. Will man sich nämlich doch mit der Außenwelt synchronisieren, kann man sich an Sendeterminen von Livestreams aus der eigenen Zeitzone orientieren. Für Berlin gibt es seit einigen Tagen das Portal berlinalive.de, welches die dichteste Zusammenstellung berlinischer Streaming-Angebote sein dürfte. Erfasst werden hier neben der Daheim-Ausgehkultur auch etwa Kinderprogramme, das Abgeordnetenhaus und kleine, nischige Übertragungen mit virtueller Kieznote. Für heute Mittag gibt es u.a. unvorhersehbare Quarantänekunst (ab 11 Uhr), einen Ballettkurs (um 12) und eine Live-Führung durch das Künstleratelier und die Arbeit des aktuellen GlogauAIR Gastkünstlers Valdrin Thaqi (12 Uhr).
Samstagabend – Wie schön, von einer Theaterpremiere schreiben zu können! Das HAU bietet schon seit Tagen ein umfangreiches Online-Programm und heute Abend, 19 Uhr, wird mit NewfrontEars & Oozing Gloop eine Performance und Installation über und mit „KI-Content, Urheberrechtsfreiheit, Live-Drag, Teig und Meditation“ uraufgeführt. Installationen als reiner Stream – auch das dürfte in der Medienkunstgeschichte eine Premiere sein. Apropos „Live-Drag“: Um 20.30 Uhr streamt das BKA Ades Zabel & Company, die wilden Weiber von Neukölln, in die Schlafzimmer der Welt.
Sonntagmorgen – Bewegung an der frischen Luft ist nicht nur erlaubt, sondern zur mentalen und körperlichen Fitness ausdrücklich empfohlen – besonders, wenn man mit anderen zusammenwohnt. Am frühen Sonntagmorgen begegnet man dabei noch nicht allzu vielen Menschen – auch das (endlich!) schlechtere Wetter sollte seinen Teil dazu beitragen. Wer also eine letzte Dosis Winter mitnehmen möchte, gehe jetzt laufen, spazieren oder radfahren. Wer Öffis meiden will, aber von den Wegen vor der Haustür gelangweilt ist, hat gute Chancen, über Komoot und die dazugehörige App reichlich neuen Wegstoff zu entdecken. Der Account mitsamt einem Kartenpaket ist kostenlos.
Sonntagmittag – Für den ein oder anderen Blick über den Tellerrand in ganz andere Lebens-, Arbeits- und Denkweisen bieten sich Ted-Talks an. Expertinnen und Koryphäen erzählen darin kurz, bündig und in allgemeinverständlichem Jargon von interessanten Phänomenen bis Kuriositäten aus ihren Fachbereichen, die nicht selten zur eigenen Weiterrecherche anregen.
Sonntagabend – Es stimmt, zum Glück haben wir Internet. Es empfiehlt sich aber auch, öfter mal über den Bildschirmrand und in ein Buch zu schauen. Das Problem: Laut Buchreport 2019, der größten Studie zum Büchermarkt, wollen weit mehr Menschen Bücher lesen, als sie es tatsächlich tun – und der Grund ist nicht nur die Zeitknappheit. Zum Beispiel wird das Binge-Watching oft vorgezogen, weil es weniger Anstrengung und inneren Widerstand bedeutet. Wer also auch jetzt eher Schuldgefühle als Freude beim Anblick seiner Hausbibliothek empfindet, verabrede sich doch einfach zum gegenseitigen Vorlesen. Wer Kinder hat, tut es sowieso, aber auch Lebenspartner oder Mitbewohner freuen sich sicherlich drüber. Per Telefon oder Netz – ja, da ist es wieder – können sich auch Singles verknüpfen und so das Wochenendenende versüßen.