Regenreiches Wochenende mit Meerblick, Labyrinth und einer Tragödie
Samstagmorgen ist die beliebteste Einkaufszeit der Deutschen, mit Trolley-Stau an Supermarktkassen, Run auf die roten Preisschilder und dem beruhigenden Gefühl, alle Unwägbarkeit der kommenden Woche mit dem Wocheneinkauf zumindest in puncto Nahrung schon jetzt auszumerzen. Wer das Gedränge entzerren will und außerdem Wert auf Nachhaltigkeit legt, besucht heute zum Markttag die Stadtfarm, Allee der Kosmonauten 16. Die Veranstalter:innen haben reichlich Sturm und Regen bestellt, um die Besucher:innenzahlen klein zu halten.
Samstagmittag – Apropos Unwägbarkeit: Gelassen und zufällig, statt bis ins Letzte durchgeplant, erscheint die Gruppenausstellung „Long Time – No See“ in der Galerie Taubert Contemporary (Knesebeckstraße 90). Die Galerie hat schlicht aktuelle Arbeiten von Künstler:innen aus dem eigenen Portfolio zusammengetragen, von denen zurzeit, wegen der allgemeinen Lage, wenig zu sehen ist. Perfekte Voraussetzungen, um die eigenen Überlegungen in flaneuristischer Manier von den Exponaten leiten lässt, statt von einem übergeordneten thematischen Rahmen. Obligatorisch ist die vorherige Anmeldung per E-mail, da sich in den Räumen nur drei Menschen zugleich aus dem Weg gehen können. Di-Sa 11-18 Uhr.
Samstagabend – Regen, Regener, Sven Regener. Der rege Kopf der Berliner Band Element of Crime und Autor solcher Bücher wie „Herr Lehmann“, gerade dabei seinen neuen Roman „Glitterschnitter“ fertig zu schreiben, hat jüngst mit den Bandkollegen Richard Pappik und Ekkehard Busch die Platte „Ask Me Now“ rausgebracht, ein Jazz-Album mit Regener an der Trompete. Dass immer er im Vordergrund steht, wenn es um die Band geht, hat er sich übrigens gar nicht ausgesucht. Das behauptet er jedenfalls im Podcast Narzissen und Kakteen, in dem er mit seinen Bandkollegen nach und nach die EoC-Diskographie nacherzählt. Angereichert mit sehr viel Kontext, Berliner Zeitgeist und nerdigen Musikdetails, plaudern die drei frei drauf los und geben einen ziemlich unverstellten Einblick in die Berliner Musikgeschichte ab 1984. Aktuell sind acht Folgen verfügbar, die mit achteinhalb Stunden Hörzeit einen unterhaltsamen Kontrapunkt zum miesen Wetter bieten.
Sonntagmorgen – Kinder lieben bekanntlich Pfützen, Gummistiefel und alles Nass sowieso. Und da genau unter diesen nassen Bedingungen weniger Menschen unterwegs sind als sonst, empfiehlt sich der Einstieg in den Frühling eben spätestens jetzt. Die Gärten der Welt (Blumberger Damm 44, Marzahn) sind schon voller Knospen und Sprösslinge. Wer den elterlichen Bio-Erklärbär heute zu Hause gelassen hat, kann sich und/oder die Kinder auf den Irrgarten loslassen. Halbstündige Zeitfenster werden im Vorfeld gebucht, dafür kann man sich dann wirklich ungestört verlieren. Anschließend nur pünktlich den Ausgang wiederfinden.
Sonntagmittag – Die Gummistiefel gleich anlassen können wir beim Besuch der Alfred-Ehrhardt-Stiftung in der Auguststraße 75. In der Ausstellung Seestücke – Fakten und Fiktion geht es um das Meer als Sehnsuchtsort, immergleiche, aber in stetiger Bewegung befindliche Landschaft, Geheimnis und Gefahr. Und um ein empfindliches, bedrohtes Ökosystem. Statt stimmungsvoller Postkartenmotive und dramatischer Sturmbilder stehen hier gegenwärtige gesellschaftliche Prozesse im Vordergrund, denen das Meer als Projektionsfläche dient. Mit Werken von 23 internationalen Künstler:innen ist die Ausstellung Di bis So von 11 – 18 Uhr für begrenzte Besucher:innenzahlen geöffnet. Die obligatorische Terminbuchung erfolgt per E-mail.
Sonntagabend – Vom verregneten Berlin in den sonnigen Süden – und damit vom Regen in die Traufe, allerdings mit hohem Unterhaltungswert: In einer Inszenierung von Christof Loy feiert Francesca da Rimini, Riccardo Zandonais meistgespieltes Werk, um 19 Uhr an der Deutschen Oper Hauspremiere. Sonnige Aussichten verspricht der Stoff nicht: Voll menschlicher Abgründe geht es eher tragisch zu, wenn die Protagonistin zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen an eine Frau im Italien des Fin de Siècle und dem eigenen Drang nach Selbstbestimmung Halt zu finden sucht. Anspielungen an Dantes Göttliche Komödie, Wagners Tristan und andere, damals in Mode stehende Sujets, sorgen auf der Metaebene für eine kleine Zeitreise zum Wochenendeende.