Valentins- und Karnevalsramsch
Samstagmorgen – Der diesjährige Karneval ist Ausnahmezustand im Ausnahmezustand – eine Doppelung, die sich mitnichten selbst wieder aufhebt. Darum kommt es auch nicht so sehr darauf an, ob die zu verspeisenden Berliner Berliner heißen, Krapfen oder Donuts. Wie bei Brammibal's Donuts, wo es dieses Wochenende einen Karnevals-Berliner namens „Valentines Donut“ (3,25 Euro) gibt, mit getrockneten Rosenblättern und Herzstreuseln. Offenkundig lassen sich mit ihm nicht nur karnevalistische Bräuche begehen, sondern auch der morgige Valentinstag. Wer den gerne mit einem besonderen Tropfen zelebriert, findet in der Neuköllner Okerstraße 35 eine neue Perle für die Trüffelschweine unter den Oenolog:innen: Treat, vermutlich vom englischen „treat yourself“, neuköllnisch „gönn dir“. Der kleine, auf Naturwein spezialisierte Weinladen pflegt enge Beziehungen zu einer Auswahl sehr interessanter Winzer. Naturwein heißt hier wild, möglichst ohne Zusätze, ungefiltert, so nah an der Traube wie eben möglich. Gemeiner Supermarktwein ist all das übrigens nicht, und den Unterschied schmeckt (und bezahlt) man. Geöffnet Sa 12 bis 19 Uhr, Mo, Do & Fr 15 bis19 Uhr.
Samstagmittag – Dem Schwindel, auch Vertigo, hat Alfred Hitchcock mit seinem gleichnamigen Film ein Denkmal gesetzt. Im Theater Thikwa wird der Stoff in die Gegenwart übertragen. Das Oben und Unten der Höhenangst werden dabei zum Innen und Außen, denn in der Adaption von Max Edgar Freitag und Frank Schulz geht es um Autismus. Nicht um das angeblich so Andersartige des Autismus, sondern genau andersrum, um den Schwindel, der dadurch entsteht, aus dem unendlich verästelten Innern auf die sonderbare Draußenwelt zu schauen. Die Vorstellung beginnt um 18 Uhr im Stream, Tickets kosten 5 bis 10 Euro, je nach persönlichem Solidaritätsempfinden. Wahlweise mit Audiotranskription für blinde und sehbehinderte Menschen.
Samstagabend – Die erste Premiere des Jahres in der Staatsoper gelangt über Livestream oder, etwas zeitversetzt, um 20.15 Uhr über 3sat.de in die Berliner Haushalte: Leoš Janáčeks „Jenůfa“ handelt von verschmähter Liebe, rigider Moral und der Tragik, die die beiden hervorzubringen im Stande sind. Perfekte Einstimmung auf den Valentins-Sonntag.
Sonntagmorgen – Klar, am besten schenkt man sich zum Valentinstag Zeit, Geborgenheit, unternimmt was Schönes, schreibt einen Brief, ein Lied oder Gedicht und trägt sich gegenseitig auf Händen. Oder man schenkt sich einfach was Teures. Zum Beispiel Kunst, die mit der Zeit auch noch im Wert steigen könnte. Die von Eugenio Recuenco hat gute Chancen (ohne Gewähr), denn von Ferne und bei flüchtigem Blick muten seine Märchenbilder geradezu klassisch und überdies gefällig an, Sujet, Farben und Licht könnten aus einer anderen Zeit stammen. Bei näherem Hinsehen aber bieten sie genau den richtigen Grad Verstörung im Detail, um interessant zu wirken.
Sonntagmittag – Die Welt steht bekanntlich schon kopf, was spricht also dagegen, am Sonntag auf Shopping-Tour zu gehen? Und zwar, weil doch so viel Romantik in der Luft hängt, in den Musikalienhandel, der „ein Ort voller Nostalgie und Erinnerungen an größenwahnsinnige Jugendträume, Tummelplatz schüchterner Spät-Anfängerinnen und nerdiger Profimusikerinnen“ ist. Wer Musikinstrumente kauft, kauft schon mal den Traum eines neuen Ichs, das im Rampenlicht aufgeht und Herzen erobert – vorzugsweise zum Sonderpreis. Des Stoffs, aus dem die Träume sind, hat sich Komponist* Neo Hülcker angenommen und ein Online-Musiktheater mit Teleshopping-Elementen geschaffen. „Das Musikgeschäft“ läuft um 14 Uhr im Stream aus dem Radialsystem, Tickets ab 10 Euro.
Sonntagabend – 53 Prozent aller Berliner Haushalte sind Single-Haushalte, so gesehen ist heute niemand allein. Außerdem ist die Gegenwart hustender, sich räuspernder, laut däumchendrehender anderer beim Musikhören erfahrungsgemäß nur störend. Daher empfiehlt sich zum Wochenendeende gerade für Singles der virtuelle Besuch des Zürcher Opernhauses (Stream über arte, Premiere am Samstagabend) bei ausgeschaltetem Licht oder Kerzenschein, in Sessel oder Badewanne gefläzt, ein Glas Naturwein (siehe oben) in der Hand. Schuberts Winterreise erzählt von einem*, der die Liebe zurücklässt, um in Begleitung des „Mondenschattens“ durch die schneebedeckten Lande zu ziehen. Dieser Gipfel romantischer Einsamkeitsverklärung wird als Ballett dargeboten, was gerade aus bequemer Fläzhaltung betrachtet die endspannendste Wirkung entfaltet.