Was tun am Welttheatertag?
Samstagmorgen – Mit dem Satz „mach mal nicht so ein Theater hier“ gibt man sich heute eindeutig als Kulturbanaus:in zu erkennen, es ist nämlich Welttheatertag. Schon 1961 rief das Internationale Theaterinstitut erstmals Theatergruppen und -Häuser dazu auf, das Drama als alle Menschheit verbindende Kunstform zu zelebrieren. Zum zweiten Mal findet der Tag nun unter Coronabedingungen statt. Abgesehen von einem Stream der Feierlichkeiten und einer Botschaft der britischen Schauspielerin Helen Mirren gibt es nur wenig offizielles Programm. Mirren fasst sich mit nur sechs Sätzen kurz, die darauf abzielen, dass es bald weitergehen möge. Sie könne es kaum erwarten. In Berlin liefert der Heimathafen Neukölln ein alternatives Motto: Unter dem Titel „Let's Panic“ wird hier mit Licht-, Video und Audio-Installationen im eigenen Hof an die ohrenbeteubend tickende Uhr des Klimawandels erinnert.
Samstagmittag – Ein Theater, das nie Saison- oder Pandemiepause macht, ist der öffentliche Raum. Der Kybernetiker Paul Watzlawick hat entsprechend schon 1969 festgestellt: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Denn alles, was der Mensch nach außen trägt, baut oder tut, sagt etwas aus. Ein Spaziergang mit einem in den Dingen zu lesen bereiten Blick empfiehlt sich daher sowieso immer. Wer sich auch für die Bühnenkulissen des Alltagstheaters, sprich, die Architektur interessiert, findet in der Tschechischen Botschaft (Wilhelmstraße 44, Mitte) eine besondere. Des brutalistischen Baus haben sich die beiden Maler Vladimir Houdek und Markus Huemer angenommen, deren Bilder ebenda ab sofort bis 5. Juni zu sehen sind, Di–Sa 14–18 Uhr. Der Zutritt ist frei, die Anmeldung Pflicht, telefonisch unter 030 31011340 oder per E-Mail.
Samstagabend ist Lesezeit. Nur weil die Bühnen geschlossen sind, macht das Drama selbst nicht Pause. Ulrike Haß rollt die Geschichte des Theaters in ihrem Buch Kraftfeld Chor auf, von der griechischen Antike und der ersten Einrichtung der Demokratie bis zu heutigen (auch politischen) Bühnen. Ebenfalls mit dem Ursprung des Theaters beschäftigt sich der französische Dekonstruktivist Jean-Luc Nancy in seinem kurzen, aber sehr dichten Aufsatz „Nach der Tragödie“ (Legueil, 2008), in dem er unter anderem mit Brecht fragt, was es bedeutet, Theater eben nach der Tragödie zu machen. Es bedarf keiner allzu großen Fantasie, die Überlegungen auf die Gegenwart zu übertragen. Im Vergleich dazu leichte, aber dennoch geistreiche Kost liefert Regisseur Barrie Kosky mit seinem anekdotenreichen Band On Ecstasy, in dem er auch so manchen Einblick hinter die Kulissen von Berliner Häusern gibt.
Sonntagmorgen – Eine der traditionsreichsten, hierzulande wenig bekannten Theaterkulturen ist übrigens die Indiens. Die unzähligen Formen der übers Land verteilten Traditionen, von Bharata Natyam über Kathakali zu Odissi erinnern an die Vielfalt der dortigen Esskultur. Ab und an weist die Indische Botschaft auf ihrer Website auf hierzulande stattfindende Veranstaltungen hin. Wegen des Lockdowns begnügen wir uns ersatzweise mit den Gaumenfreuden: Wer schon mal ein Masala Dosa irgendwo in Südindien gegessen hat, meidet die hiesigen Varianten, die selten nach dem Original schmecken. Anders im Café Pappelreihe (Kienitzer Straße 109, Neukölln). Auch wenn das allerletzte Quäntchen noch fehlen mag, kommt das Gericht (6 Euro) nahe genug ans Original ran, um bei geschlossenen Augen innerlich Kathakali zu tanzen. Täglich von 9 – 20 Uhr, Kienitzer Straße 109
Sonntagmittag – Osterferien verheißen einen Ausbruch aus dem Alltag, ein Dasein im Ausnahmezustand oder zumindest irgendeinen Unterschied zum Schulprogramm. Richtiges Ferienfeeling in Zeiten des Homeschooling zu erzeugen ist daher nicht ganz einfach. Unterstützung will das FEZ mit seinem Online-Ferienprogramm bieten. Damit es keine Ferientragödien gibt, können sich Kinder ab sechs Jahren täglich von 17 bis 20 Uhr mit dem Osterhasen persönlich austauschen, über die Eiersuche beraten, Spiele spielen, DIY-Handwerkszeug lernen und am Hasenyoga teilnehmen.
Sonntagabend – Auch für den Ausbruch aus den eigenen vier Wänden ist das Theater schon immer gut – begonnen hat es schließlich auf antiken Freilichtbühnen. Im Gorki Stream gibt es heute die Möglichkeit, einen Blick in die vier Wände anderer Leute zu werfen, die dort vor allem eines tun: tanzend aus denselben ausbrechen. Und wenn man nun durch das Zuschauen beim für das Zuschauen inszenierten Ausbruch anderer selber innerlich ausbricht, ergibt das einen nicht nur sprachlich komplizierten Zirkelschluss, der ungemütlich werden könnte. Eben das soll er auch, was wäre das sonst für ein Ausbruch, ohne die Wohlfühlzone zu verlassen? Die Performance „4 WËNDE“ ist das ganze Wochenende über bis 19.30 Uhr kostenlos verfügbar.