JWD, Fado, Jazz und Ungehorsam
Samstagmorgen – Das Soul Café (Okerstraße 3, Neukölln) ist kaum älter als das neue Jahr – zweidreiviertel Monate älter, um genau zu sein – seine tagesaktuell wechselnden Kuchenvariationen und Kaffee-Spezialitäten schmecken allerdings schon sehr ausgereift. Einen Schuss sentimentaler Nostalgie verleiht außerdem die aus Portugal stammende Fado-Musik, die hier häufig im Hintergrund tönt. In ebenso hintergründigen Kissenecken oder an vordergründigen Kaffeehaus-Tischen kann man es sich dazu jeden Samstag ab 10 Uhr gemütlich machen. Wer das als spät empfindet, unternehme vorher noch eine kleine Reise nach Potsdam, Babelsberg. Dort öffnet nämlich schon um 7 Uhr der Wochenmarkt am Weberplatz – und hat man den schon hinter sich, wenn man Stunden später im Soul Café bruncht, hat man gleich einige Erinnerungen zur Hand, in denen man tiefgründig zum Fado schwelgen kann.
Samstagmittag – Kollektive, statt persönliche Erinnerung thematisiert auch die aus den USA stammende Künstlerin Renée Green in ihren Installationen und Texten. KW-Institut (Auguststraße 69) und DAAD-Galerie (Oranienstraße 161) widmen ihrer Erinnerungswelt nun die zweigeteilte Ausstellung Inevitable Distances. Diese gibt einen Überblick zum Schaffen der Künstlerin seit den Achtzigerjahren bis heute. Zeitfenstertickets kosten 8/6 Euro. Wer die Schau im KW heute um 14 Uhr besucht, kann zudem an einer Führung mit Barbara Campaner (Kunsthistorikerin, Kunstvermittlerin) und Gebärdensprach-Dolmetscherin (DGS) Laura Häußer teilnehmen.
Samstagabend – Apropos Führung: Wer bei diesem Begriff verständlich rebellische Widerstandsimpulse verspürt, kann sich im Literaturforum im Brecht-Haus (Chausseestraße 125) ab 17 Uhr eine Dosis Bestätigung abholen. Zum Lob des Ungehorsams wird hier nämlich speziell die an Kinder gerichtete Arbeit des Autors, Essayisten und Lyrikers Franz Fühmann vorgestellt. Um 20 Uhr folgt am selben Ort sein Aufruf, dem Menschen das Ertragen der Wahrheit zuzutrauen – eine Lesung von Corinna Harfouch. Beide Veranstaltungen gibt es auch im Livestream auf dem Youtube-Kanal des Brecht-Hauses. Tickets kosten 5/3 Euro je Veranstaltung.
Sonntagmorgen – Noch mehr auf die Ohren gibt es um 11 Uhr in der Hansa-Bibliothek: In der Veranstaltungsreihe Hörspielklassiker am Hansaplatz ist heute das Hörspiel „Asternplatz“ von Heinz Oskar Wuttig in einer kollektiven Hörsession zu erleben. Darin geht es um den Berliner Alltag in der Nachkriegszeit – und das aus Zeitzeugensicht, denn das Stück stammt von 1952. Kompetent anmoderiert wird es zudem von Julia Tieke, bekannt als Radiokunst-Expertin und Chefin der Wurfsendung des Deutschlandfunk.
Lust, Sonntagmittag rauszufahren? Allein, „…es steht alles sehr zweifelhaft auf dem Lande“. Das schrieb Achim von Arnim schon um 1800. Die zahlreichen Briefe des schreibfreudigen Landwirts und Gutsherrn von Wiepersdorf sollen nicht nur Aufschluss über seinen Lebensalltag auf dem Lande geben, sondern auch ganz zeitgenössische Fragen zum Umgang mit den „natürlichen Reichtümern in Natur und Landschaft“ aufwerfen, wie es im Ankündigungstext heißt. Im Jüterboger Kulturquartier Mönchenkloster (ab 13 Uhr am Mönchenkirchplatz 4, Jüterbog) gibt es nun eine von der Kunsthistorikerin Iris Berndt konzipierte Ausstellung, die das Damalige mit dem Heutigen verflicht und ganz nebenbei fragt, wie es wirklich „auf dem Lande steht“.
Sonntagabend – Wie es wirklich um Beatles-Songs steht, erfährt man dagegen zurück in Berlin im Schöneberger Zig Zag Jazz Club (Hauptstraße 89). Zum Wochenendeende zerlegen nämlich Julia Hülsmann am Klavier, Nils Wogram an der Posaune und Christopher Dell am Vibraphon bekannte Stücke der ersten Boygroup der Popgeschichte in ihre Grundbestandteile und interpretieren sie als absolute Musik neu, das heißt: Ohne Gesang, Text und Starkult-Firlefanz bleibt von ihnen nur das tatsächlich Tönende übrig. Klingt nach Sparflamme, ist es aber nicht, hinzu kommt nach Abzug des Firlefanzes am Ende nämlich noch eine Portion Improvisationskunst, die für jeden möglichen Mangel entschädigen sollte. 15 Euro beträgt der Eintritt, Platzreservierungen über die Homepage.