Stadtleben
Samstagmorgen – Spiegelneuronen sind die biologische Grundlage der Empathie. Eben dank der Fähigkeit, mit anderen Menschen (Tieren, Dingen, Neuronen) zu fühlen, dürfte der Kaffee in der Tapiocaria heute besonders gut schmecken, denn das Restaurant-Team nimmt nach ganzen vier Monaten Renovierungsarbeit endlich den Betrieb auf. Dabei ist der Kaffee gar nicht die Spezialität des Hauses. Das sind nämlich sogenannte Tapiokas: verschieden gefüllte (auch vegane) Fladenbrote aus Maniokwurzel, die hier nicht nur der brasilianischen Tradition sondern auch einer Menge Erfahrung entspringen. Das Geschäft gibt es schließlich schon länger, bislang aber lediglich als mobilen Markstand und Catering-Service. Ab 10 Uhr kann man sich beim Beäugen der Sesshaftwerdung in der Samariterstraße 34A mitfreuen.
Samstagmittag – Apropos Mitgefühl: Es kann ja Menschen antreiben, die Welt zu verändern. Wer sich dazu künstlerischer Mittel bedienen möchte, aber nicht recht weiß, wie man große Ideen praktisch umsetzt, melde sich zum zweitägigen Workshop-Seminar in der Art Grant Clinic. Hier soll erlernt werden, wie man Kunstprojekte angeht, koordiniert und finanziert, womit man anfängt und wie man sie am Laufen hält. Ab 11 Uhr im Lacuna Lab, Paul-Lincke-Ufer 44A. 115 Euro/ Tag, 220 Euro/ 2 Tage. Was die Spiegelneuronen so alles hervorbringen können, wenn man sie sich entfalten lässt, zeigt zum Beispiel das Haus am Lützowplatz in einer Kuratorenführung mit Lydia Korndörfer (15 Uhr). Die multimediale Ausstellung befasst sich mit der anstehenden Besiedlung des Mars und ist durchaus von Mitgefühl durchzogen – mit dem Mars, auf den der Mensch losgelassen wird, wie auch mit dessen Heimatplaneten Erde.
Samstagabend – Wer hier schon zynisch erfreut die Alarmglocken läuten hört, wird sich zum Tagesabschluss sicher beim „A L‘Arme“ (Frz. „zur Waffe“, womit die Alarm-Etymologie geklärt wäre) gut aufgehoben fühlen. Es ist nämlich der dritte und letzte Tag des Festivals, das zeigt, was international in Sachen Avantgarde-Jazz und Experimentalmusik gerade so los ist. Auf der Bühne etwa Irreversible Entanglements – „Unumkehrbare Verflechtungen“, gegründet aus Mitgefühl mit dem in New York erschossenen Akai Gurley. Die hochpolitischen Texte gepaart mit einer Musik, die längst vom Wire Magazine gewürdigt wurde und vom Sound manchmal ans Art Ensemble of Chicago erinnert, dürfte in allen Neuronennetzwerken bleibenden Eindruck hinterlassen. Nicht minder gilt das für Colin Stetson, dessen Wunderlunge Dinge mit seinem Basssaxophon anstellen kann, die ihm niemand so leicht nachmacht.
Sonntagmorgen – Angesichts des Ernstes der Lage – irgendwas ist schließlich immer – überspringen wir etwaige Frühstücksbedürfnisse und begeben uns direkt zum Moabiter Gütermarkt. Der wird nämlich gerade 40. Auch wenn hier nicht in Jahren, sondern Ausgaben gerechnet wird, steht die drängende Frage im Raum, ob eine Midlife Crisis angebracht wäre. Eben die wird beim Live-Radio-Stream verhandelt, der mitten vom Marktgeschehen ausgestralt wird, während drumherum beim Floh- und Fahrradmarkt Recycling, Upcycling und Bicycling als Beitrag zu Moabiter Nachbarschaft und Klima betrieben werden.
Sonntagmittag – Apropos Klima: Globales Thema, zu abstrakt für unmittelbare Gefühlsregungen? Wie viele globale Angelegenheiten wird auch diese erst im Lokalen wirklich fassbar. Zum Beispiel am Regenwassersammelbecken der Floating University, die aktuell ein dichtes Programm zum Thema Klima anbietet. Für dessen Veränderungen sind Biotope wie dasjenige ums Becken nämlich sensible Messinstrumente. Beispiel: Die Veranstaltung „Bird Behaviour“, eine Art kritischer Ornithologie mit Autor und Journalist Christian Schwägerl, der sich mit den Vögeln am Rande des Sammelbeckens und ihren vielen Verflechtungen mit der Insekten- und Pflanzenwelt befasst. Anschaulich wird das mit Workshop, Spaziergang und Gespräch ab 14 Uhr gegen 10/ 5 Euro auf dem schwimmenden Campus an der Lilienthalstraße.
Sonntagabend – Thematisch ist die Überleitung zum Ausufern vom Beckenrand aus selbsterklärend – ausreichend böige Vorstellungskraft vorausgesetzt. Tatsächlich liegen aber immerhin 13 U-Bahn-Stationen zwischen Südstern (Beckenrand der Floating University) und Pankstraße. Dort wiederum liegen die Uferstudios – und die versprechen mit dem Ausufern-Festival eine ganze Reihe ausufernder Abende. Heute: BERGEN, ein Performance- und Musiktheater von Göksu Kunak aka Gucci Chunk, Laure M. Hiendl und Annegret Schalke. Namensgebend ist die türkische Arabesk-Sängerin Bergen, die auf einem Auge blind aus einem Anschlag mit Salpetersäure hervorging und zum Symbol für Gewalt gegen Frauen in der Türkei wurde. Der Täter war ihr Ehemann, der für die Tat sechs Jahre einsaß. Nach seiner Freilassung 1989 erschoss er die damals 31-Jährige, deren Leidensgeschichte heute Abend im Kontext der LGBTQI*-Geschichte betrachtet wird. Der Eintritt ist frei, Platz-Reservierungen sind bis 15 Uhr über ausufern@uferstudios.com möglich.