Muskelkater, Naturkunde und Weltkunst
Samstagmorgen – Endlich Wochenende, endlich Zeit, einmal in Ruhe nachzudenken – zum Beispiel über die Zeit. Immerhin ist in einer Woche Zeitumstellung. Wer schon immer mal mehr über die Zusammenhänge dahinter wissen wollte, aber auch alle, die ihr Wochenende gerne inspiriert beginnen, einen selbstauferlegten Bildungsauftrag verfolgen oder einfach Gesprächsstoff für freundschaftliche Begegnungen benötigen, schalte einmal den Podcast Geschichte.fm ein. Seit mittlerweile 317 Wochen gelingt es den Macher:innen, jede Woche eine neue „Geschichte aus der Geschichte“ mithilfe von Expert:innen vom Fach zu erzählen, etwa die Geschichte der Sommerzeit, des Speiseeises, ausgestorbener Berufe, der Novemberrevolution oder der Zeit selbst.
Samstagmittag – Über den Iran, seine Politik, Probleme und ab und an noch etwas über traditionelle Kultur liest man im allgemeinen viel – über die zeitgenössische Musik des Landes dagegen wenig. Auch im Kunstraum Bethanien gibt es nicht viel zu lesen, dafür aber zu hören: Beim Tehran Contemporary Sounds Festival erklingt heute und morgen von 16 bis 1 Uhr eine Menge zeitgenössischer, experimenteller und sicherlich auch Hörgewohnheiten und Klischees herausfordernder Musik aus Teheran. Das Programm und Tickets (15/11 Euro) gibt es hier.
Samstagabend – Erinnern Sie sich noch ans Tanzen? Dieses mehr oder weniger koordinierte, meist von Musik getriebene Zucken, Wackeln und Schwingen der Glieder mit sozialer Komponente? Seit vereinzelt wieder Tanzveranstaltungen stattfinden, dürfte es besonders interessant (auch anzuschauen) sein. Schließlich sind wir alle doch etwas aus der Übung – „was mache ich mit diesem Arm, wenn ich das Bein dort hin strecke und was mit der Hüfte, wenn…“ Das ganzkörperliche Hören von Musik braucht erwiesenermaßen Übung, ohne die es schlicht einrostet. Öl auf die Gelenke gibt es zum Beispiel bei Dejawie – Kili x Void ab 22.30 Uhr bis Sonntagmorgen im VOID (Wiesenweg 5-9). Die erwähnte soziale Komponente folgt natürlich und vernünftigerweise den Abstandsregeln, damit sich sowas nicht wiederholt. Nebenbei lässt der Abstand mehr Raum für unkoordinierte Zuckungen. Es gilt die 2G-Regel.
Anschließend wird am Sonntagmorgen natürlich ausgeschlafen und jeglicher Wurm den frühen Vögeln überlassen. Um 14.30 Uhr sollte man allerdings die Gelegenheit für Frischluftabenteuer nicht ungenutzt verstreichen lassen – der frühe Vogel hat ja längst den Wurm, der Kater von Samstagnacht aber braucht auch Zuwendung. Im Naturpark Südgelände gibt es zum späten Start in den Tag eine geführte naturkundliche Erkundung zwischen den Gleisen – und zwar zwischen verrosteten Gleisen, die sich die Natur zurückholt – wie um das Thema des Einrostens weiterzuspinnen.
Sonntagmittag – Wenn eine Künstlerin von Weltrang, zum Beispiel Pauline Julier, die ihre Arbeiten bereits im Pariser Centre Pompidou, dem Loop in Barcelona, dem Wonder Site in Tokyo, dem Genfer Art Center und im Palazzo Grassi in Venedig gezeigt hat, um eine kleine Auswahl zu nennen, die in Rom am Istituto Svizzero residierte und mit ihrem Film „Way Beyond“ am Visions du Reel Festival teilnahm und gerade erst den Swiss Art Award 2021 in Basel erhielt – wenn so eine Künstlerin also nach Berlin kommt, um der Weltöffentlichkeit ihr neues Buch zu präsentieren und es mit einer Ausstellung zu inszenieren, dann natürlich in… der Kieffholzstraße 19 in Alt-Treptow. Heute von 14 bis 18 Uhr im Labor Neunzehn – Anmeldung via Homepage obligatorisch.
Sonntagabend – Wem nach all der Draußenzeit bei mittelmäßigem Wetter zum Wochenendeende wieder nach beschaulicher Einmurmelung ist, der schaue doch fern – und schließe damit gleich den Kreis zum Grübelstoff vom Samtagmorgen. In einer Performance des Duos PPKK geht es nämlich nochmal um Geschichte, genauer: das Jahr 1896. Im Treptower Park fand damals die große Berliner Gewerbeausstellung statt, die eine hiesige Antwort auf die Pariser und Londoner Weltausstellungen sein sollte. Übrig geblieben ist davon die Archenold Sternwarte. Deren Teleskop ist aktuell auf das Algieba-System ausgerichtet, das etwa 125 Lichtjahre von der Erde entfernt ist – was wir von Algieba sehen, ist also ein Bild von 1896, mit dessen Hilfe wir zumindest innerlich auf Zeitreise gehen und darüber sinnieren können, was sich in 125 Jahren alles verändert hat. Zum Beispiel: Bei der damaligen Gewerbeausstellung wurden unter anderem lebende Menschen aus diversen Kolonien „ausgestellt“. Um daran zu erinnern, haben PPKK eine Performance in der Sternwarte ersonnen, die um 19 Uhr im Livestream zu sehen ist – 50 Prozent des Produktionsbudgets gehen übrigens an den Verein Berlin Postkolonial.