Leseempfehlungen
Der emeritierte Professor für Linguistik am MIT, Noam Chomsky, ist seit langer Zeit einer der Wortführer einer Spielart der radikalen US-Amerikanischen Linken, die sich in vieler Hinsicht, etwa im Ton, aber auch inhaltlich, von der europäischen unterscheidet. Während die klassische US-Linke, schon hier im Gegensatz zur europäischen, eng mit einem philanthropischen Bildungsbürgertum gehobener Einkommensklassen verknüpft ist und kaum fundamentale Systemkritik enthält, steht Chomsky mittlerweile für einen neo-anarchistischen Gesellschaftsentwurf mit umstürzlerischen Tendenzen und einer geballten Ladung Wut auf den Status Quo. Leider wird der 91-Jährige zunehmend anschlussfähig an Verschwörungstheorien und hat sich mit seiner unbedingten Forderung nach Meinungsfreiheit vor den Karren von Holocaustleugnern spannen lassen. Gleich, ob und in wie weit man mit ihm mitgehen kann: Will man die US-Linke verstehen, ist es allemal interessant, sich ein wenig mit ihm zu befassen, sei es im aktuellen freitag, der ein Interview mit Chomsky über Trump, Sanders und Thunberg abgedruckt hat, oder gleich in einem seiner zahlreichen Bücher wie das in zugänglicher Interviewform gehaltene „Anatomie der Macht“. Seine Rhetorik ist oft purer „Linker Populismus“ – ein gleichnamiges Buch der belgischen Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe liegt seit 2018 auch in deutscher Übersetzung vor. Eine Art Schutzimpfung gegen Verschwörungstheorien gibt es übrigens von Jan Skudlarek.
Wer, wie die AfD, mit unverhohlenem Rassismus Wählerstimmen holt, schwebt nach Anschlägen, wie denen von Hanau, Halle oder dem an Walter Lübcke stets für einige Tage in Erklärungsnot. Bald darauf geht die Welt wieder zum Tagesgeschäft über. Der Taschenspielertrick, mit dem sich Rechtspopulisten von Rechter Gewalt distanzieren, ist stets die Vereinzelung der Täter als in die Irre geleitete, tragische Ausnahmefälle, die in keiner Weise mit den Populisten zusammenhängen. Dass dem schon ein falscher Begriff vom Rassismus zugrunde liegt, erklärt die Amerikanistin und Kulturwissenschaftlerin Jule Bönkost für Edition F. Rassismus zur reinen Individualhaltung einzelner Ausreißer zu verklären, bedeutet nichts anderes, als die Gesellschaft für ohnmächtig zu erklären und so beste Bedingungen für die Verbreitung und Normalisierung von Rassenideologien zu schaffen.