Sieg der Bürokratie
Beatrice Sloterdijks Sohn bekam eine frühere Impfung, den nun freien Termin will er ihr überlassen. Doch im Impfzentrum scheitert sie damit. Von Anke Myrrhe.
Andernorts nimmt man es hingegen sehr genau, wie die Geschichte von Beatrice Sloterdijk (Journalistin und liiert mit dem Philosophen) zeigt. Weil ihr Sohn als Diabetiker unverhofft vor ein paar Tagen eine Impfung in einer Praxis erhalten hatte, wollte er seinen bereits gebuchten Termin im Impfzentrum Tegel an seine Mutter abtreten. Offiziell geht das natürlich nicht, doch Beatrice Sloterdijk begab sich gestern „mutig und siegessicher an den Saatwinkler Damm“, ausgerüstet mit „Abtretungsschreiben“, Impfausweis, Pass, und gesammelten Unterlagen zur Berechtigung. Der Einladungscode brachte sie durch die Sicherheitsschleusen, am Informationsschalter aber flog der Schwindel auf. „Auch meine Erklärung, dass ich doch, fast 60-jährig und als Betreuerin von meinem Mann, der 73 ist, und meinem Ex-Mann mit 87, und als Mutter eines Diabetiskindes ohnehin an der Reihe bin, half nichts“, schrieb Sloterdijk uns. Antwort eines Ordners: „Wenn Sie in einem Restaurant einen Tisch reservieren, kann auch nicht Ihre Mutter den Tisch nehmen.“ Nicht?
Vor dem Zentrum erreichte Sloterdijk einen Arzt in der Hotline, der helfen wollte, aber wiederum niemanden im Zentrum erreichen konnte. Es blieb die wütende Heimreise und der Blick ins Buchungssystem: Alle Termine ausgebucht bis... „Es hat heute die Bürokratie einen Sieg über die Vernunft davongetragen.“