Schulleiter empört über Berliner Stufenmodell
Kommenden Montag sollen die Schulen zum Präsenzunterricht zurückkehren. Ein Charlottenburger Direktor findet das angesichts der Pandemielage „abenteuerlich“. Von Julius Betschka
In Berlin geht Eindämmung jetzt so: Während die privaten Kontakte auf eine Person reduziert werden sollen, essen Schulkinder ab Montag wieder gemeinsam Mittag. Der „Interessenverband der Berliner Schulleitungen“ und auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) unterstützen den Senat zwar, der Landeselternausschuss hält die Entscheidung aber für „sehr widersprüchlich“.
Lehrer, Eltern und Schulleiter reagierten teils entsetzt, berichtet meine Kollegin Susanne Vieth-Entus. Jens Finger ist Schulleiter der Hans-Litten-Schule in Charlottenburg, ein Oberstufenzentrum mit mehr als 2000 Schülern. Seine Eindrücke hat er aufgeschrieben:
„Unter die Formulierung ‚abschlussrelevante Klassen‘ fallen in unseren Schulen so gut wie alle Klassen. Somit würden die größten Schulen des Landes Berlin mit größtenteils jungen Erwachsenen Schüler*innen ab kommenden Montag in den Präsenzunterricht zurückkehren. Zu einem Zeitpunkt, an dem überhaupt noch nicht klar ist, wie viel Menschen sich über die Festtage und Silvester mit dem Virus infiziert haben.
Abenteuerlich ist auch die Vorstellung, dass der Schulalltag nur aus Unterricht besteht. Es mag überraschen, aber es gibt viele und lange Pausen. Gerade die älteren Schüler*innen treibt es dann raus vor die Schulen, um die Nikotinsucht zu befriedigen oder einfach mit Freunden oder Klassenkameraden ‚abzuhängen‘. Vor der Schule ist einfach cooler als auf dem Schulhof.
Da wird sich vor die Füße gespuckt, aus einer Flasche getrunken, miteinander gelacht, sich gegenseitig der Rauch ins Gesicht gepustet, sich angeschrien, miteinander gerangelt.
Die heute getroffenen Entscheidung wurde aus meiner Sicht völlig übereilt getroffen. Allen Warnungen und Ermahnungen zum Trotz wird ohne Not die Gesundheit und im schlimmsten Fall das Leben von Beteiligten am Schulleben und deren Familien riskiert.“