Gutachten zu Giffeys Doktorarbeit ist jetzt öffentlich einsehbar

Die Initiative „Frag den Staat“ hatte geklagt – nun musste die Freie Universität das Gutachten der beauftragten Anwaltskanzlei rausrücken. Aus dem Checkpoint. Von Lotte Buschenhagen

Gutachten zu Giffeys Doktorarbeit ist jetzt öffentlich einsehbar
Berlins Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) wurde im vergangenen Jahr der Doktortitel aberkannt. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Wir unterbrechen diesen Checkpoint für einen hoch-philosophischen Exkurs: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“, hat einst Aristoteles fabuliert. In ordentlicher Schrift ziert das Zitat nicht nur verstaubte Grundkursordner, sondern auch die Rückseite des ersten Promotionsexposés von Bürgermeisterin Franziska Giffey (S. 47). Bitte, wie? Nach einer Klage der Initiative „Frag den Staat“ musste die Freie Universität das Zitats-Gutachten der durch Giffey beauftragten Anwaltskanzlei nun doch aushändigen. Seit gestern steht der Wälzer online: Der 200-Seiten-Anhang zeigt erstmals auch handgeschriebene Anmerkungen der Bürgermeisterin und ihrer Doktormutter Tanja Börzel. Unser Best of:

+++ „Das mit dem Zitieren oder Quellenangaben oder Diskutieren von Autorenmeinungen muß besser werden und einheitlich durchgezogen werden, so geht das nicht“ (Börzel, Foto im Gutachtenteil, S.7)

+++ „Quelle“ / „Quelle“ / „Quelle“ / „Quelle“ / „Quelle“ / „Quelle“ / „Quelle“ (Handschrift unklar, Dissertationsvorhaben, S.111f.)

+++ „Das, was wir anderen predigen, müssen wir auf uns selber anwenden / Außenpolitik <–> Binnendimension“, (Giffey, Dissertationsvorhaben / Vorstellung im Doktorandenkolloquuium, S. 125)

+++ „Hoher Anspruch wird unten nicht weiter eingelöst“ (Giffey, Feedbackgespräch mit Prof. Dr. Tanja Börzel, S. 152)

+++ „WAS SOLL ARGUMENTIERT WERDEN?“ (Giffey, Feedbackgespräch mit Prof. Dr. Tanja Börzel, S. 153)

+++ „zu deskriptiv“ / „es fehlt der analytische Teil“ / (…) „keine Zitate von Primärquellen“ / (…) „zu deskriptiv“ (Giffey, Entwurf der Dissertation, S. 179).

Auflistungen des Gutachtens bestätigen zudem dutzende Treffen von Börzel und Giffey – die Bürgermeisterin wurde keineswegs von ihrer Doktormutter alleingelassen. Ebenfalls auffällig: Das Wort „Plagiat“ kommt im Gutachten kein einziges Mal vor. Die Anwälte argumentieren, Börzel habe Giffey eine „amerikanische Zitierweise“ (s. 31) vorgegeben und aufgefordert, „problem-“, nicht „quellenorientiert“ (S. 30) zu zitieren. Die Bürgermeisterin sei daher entlastet. Dumm nur, dass auch die amerikanische Zitierweise kein Copy-Paste ohne Quellenangabe erlaubt – nur Zufall, nicht wahr?

Im ersten Exposé des Giffey’schen Promotionsvorhabens zitiert die Bürgermeisterin übrigens überhaupt nicht. Stattdessen möchte ich es nun tun – und zwar aus den Anweisungen für mein eigenes Exposé zur Bachelorarbeit, das sich gerade in Ausbrütung befindet: „Das Papier ist nach formalen Kriterien und Zitierweisen der Arbeit zu schreiben“ (ein hier anonymisierter Prof – Freie Universität Berlin).