Wie Ukrainer in Berlin um ihre Heimat bangen

Sergej Fortunjew praktiziert seit mehr als 20 Jahren als Arzt in der Hauptstadt. Im Gespräch erzählt er von ukrainischen Landsleuten – und ihrem Alltag mit dem Krieg. Von Robert Ide

Wie Ukrainer in Berlin um ihre Heimat bangen
Ein ukrainischer Soldat patrouilliert durch die Ruinen eines Industriegebiets entlang der Frontline in der Region Donezk. Foto: Vadim Ghirda/AP/dpa

Drehen wir die Scheinwerfer der Aufmerksamkeit dahin, wo sie hingehört: zu den geschundenen Menschen in der Ukraine, die von Russlands post-sowjetisch-zaristischem Präsidenten Wladimir Putin in neue Kriegsangst versetzt werden, ohne dass Europas Politik ausreichend Gehör findet (wie Frankreichs Präsident Macron in Moskau – gut illustriert hier und hier) und ohne dass der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in Washington ausreichend deutliche Worte findet – vom putintreuen Altkanzler Gerhard Schröder lieber ganz zu schweigen. Einzig Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) setzt gerade richtige, wichtige Zeichen – direkt im Kriegsgebiet in der Ost-Ukraine.

Und wie empfinden die 24.000 Ukrainerinnen und Ukrainer in Berlin die Lage in ihrer Heimat? „Wir machen uns große Sorgen“, erzählt Sergej Fortunjew am Checkpoint-Telefon. Der Arzt, der seit 20 Jahren in Berlin lebt, engagiert sich im Verein „Ukraine-Hilfe Berlin“ und hofft, „dass die Politik die Wärme, die zwischen Ukrainern und Deutschen entstanden ist, nicht abkühlen lässt“. Seine Erwartung: „Ich warte mit meinen Landsleuten auf eine Antwort, was Deutschland wichtiger ist – billiges Gas aus Russland oder die europäischen Werte?“ Gerade die SPD müsse gegenüber Putin öffentlich klare Kante zeigen „und nicht wie Manuela Schwesig nur die Ostseepipeline North Stream 2 im Kopf haben“. Eine zugesagte Militärhilfe von 5000 Schutzhelmen sei doch eher „ein Witzsymbol“.

Fortunjew hat vor acht Jahren, als Russland die Krim annektierte und den Krieg im Donbass anzettelte, selbst als Arzt an der Front geholfen. „Es war grauenhaft, mitten im Chaos so vielen Verwundeten helfen zu müssen.“ Seine Eltern und eines seiner Kinder leben weiter in der Ukraine, die durch Krieg und auch Korruption von Oligarchen arm geworden ist. „Seit acht Jahren ist der Alltag der Menschen der Krieg – ein schweres Leben, das alle normal zu leben versuchen.“

Der 55-Jährige war schon zu DDR-Zeiten regelmäßig in Berlin und hat vor dem Umbruch in Prenzlauer Berg gelebt. Inzwischen hat die ukrainische Community in Berlin neue Wurzeln geschlagen, es gibt eine eigene Kirche, eine Schule und ein ukrainisches Radio (Details hier). Und die Visafreiheit lockt viele Studierende und IT-Kräfte hierher. „Die jungen Menschen treten fordernder auf und verlangen, dass Deutschland uns mehr hilft.“ Bei einer Demo am Wochenende vor dem Brandenburger Tor seien 500 Menschen gewesen, erzählt Sergej Fortunjew. „Auch wenn die Realität gerade ernüchternd ist – dieser Drang nach Demokratie gibt mir viel Hoffnung.“

Hoffnung, die viele Ukrainerinnen und Ukrainer auch in Berlin dringend brauchen.