Leere Ratschläge als Watschn gegen das bröselnde Durchhaltevermögen

Je eindringlicher die Appelle der Betroffenen, umso ratloser wirkt die Politik. „Ich sehe ein bisschen mit Sorge, wie im Moment die Situation in Berlin auf den Straßen ist“, sagte Michael Müller in der gleichen Pressekonferenz, in der er selbst die Öffnung der Schulen verkündete, die er Stunden zuvor ausgeschlossen hatte.

„Beim ersten Lockdown sind wir raus gegangen und es war völlige Stille. Die Menschen haben den Grundsatz ‚Stay Home‘ wirklich ernst genommen.“ Müller mag recht mit seiner Analyse haben, dass die Pandemie-Müdigkeit der Menschen wächst.

Etwa halb so viele Fahrgäste wie vor Corona verzeichnet die BVG derzeit – im März waren es nur 25 Prozent. Dass der Grundsatz „Stay Home“ nicht ernst genommen würde, muss sich für viele aber wie eine krachende Watschn gegen das eh dahinbröselnde Durchhaltvermögen anfühlen.

Wer kann es sich erlauben, dauerhaft zu Hause zu bleiben, wenn die Kitas offen sind, die Schulen nur für verlängerte Weihnachtsferien geschlossen und es noch immer kein Recht auf Homeoffice gibt? 

Wer kann Vereinzelung psychisch durchhalten, wenn politisch verordnet alles so normal wie möglich laufen soll? Von der Automobilproduktion bis zum Weihnachtsfest?

„Alle Umfragen seit Beginn der Pandemie zeigen, dass die Bereitschaft der Mehrheit, sich einzuschränken, viel größer war, als die lautstarken Skeptiker suggerierten. Aber wenn die Politik den Leuten nicht traut, traut sie sich selbst nichts mehr zu und dann, erst dann, verlieren die Leute auch ihr Vertrauen in die Politik. Eine Ansteckungskette, die verhängnisvoll ist“, kommentiert Lorenz Maroldt heute im Tagesspiegel-Leitartikel (im E-Paper oder am Kiosk).