Mauern des Schweigens
„Reißen Sie die Mauer zwischen uns nieder“, hallte es gestern Morgen durch den Plenarsaal des Bundestags. Es war ein Moment, den niemand der Anwesenden vergessen wird, vergessen sollte. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj – zugeschaltet via Video – warf den Abgeordneten vor, nicht genug getan zu haben. Jahrelang falsches Vorgehen habe dazu geführt, die Ukraine zu isolieren und Russland auszuliefern: „Sie sind wie durch eine Art Mauer von uns getrennt“, sagte Selenskyj. „Es ist eine Mauer zwischen Freiheit und Unfreiheit und sie wird mit jeder Bombe größer.“
Und was kam als Antwort aus der Stadt, die sich wie keine andere mit Mauern zwischen Freiheit und Unfreiheit auskennt? Definitiv nicht genug. Frei nach dem Motto: „Wenn du nicht mehr weiterweißt, ruf den nächsten Tagungsordnungspunkt auf“ wurde wenige Minuten später über die Impflicht debattiert. „Es wirkte, als sei die Selenskyi-Rede für die Abgeordneten der Ampel-Koalition nur eine lästige Pflicht, die abzuarbeiten ist“, kommentiert meine Kollegin Claudia von Salzen. „Die deutsche Politik lieferte der Welt damit ein beschämendes Schauspiel.“ Die Mauer des Schweigens steht.