Kein Grund für Häme über Berlin

Berlin ändert beim Tracing die Strategie. Deshalb braucht die Republik nicht den Zeigefinger erheben. Andere Städte werden folgen. Ein Checkpoint-Kommentar. Von Julius Betschka

Kein Grund für Häme über Berlin
Foto: Britta Pedersen/dpa

wir sind (mal) wieder wer: Failed State, Desaster, Chaos-Metropole. Nachdem Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci gestern eine Ende der lückenlosen Kontaktnachverfolgung verkündete, richten sich die ausgestreckten Zeigefinger gen Berlin. Immer schön weit weg von sich selbst. In der FAZ wird vom "Infektionsrisiko Berlin" geschrieben, andere twitterten: Berlin ist gescheitert. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) hatte gesagt: „Dass jeder Fall mit viel Aufwand bearbeitet wird, ist nicht mehr möglich." Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) sprach vom "absoluten Krisenmodus". Michael Müller (SPD) sagte zu einem möglichen Lockdown: "Ich muss zugeben, man kann es nicht mehr ausschließen" (Alles News im Live-Blog). Ja, die Lage ist ernst. In Berlin und in vielen anderen deutschen Regionen. 

Für die Gesundheitsämter dürfte sich die neue Regelung anfühlen, wie das Herunterreißen der Maske nach einem Hochhaus-Treppenlauf. Die vereinfachte Kontaktnachverfolgung gibt ihnen Luft, sich auf Alte und Kranke zu fokussieren und Positiv-Fälle schneller zu kontaktieren. Für alle anderen gelten fast die selben Regeln wie vorher – sie werden einem nur nicht mehr am Telefon diktiert (hier steht aber auch alles). 
 
Was in der Aufregung über die angebliche Berliner Unfähigkeit unterging: Es wurde auch verkündet, in den kommenden Wochen tausende Schnelltests für Altenheime auszuteilen, für Obdachloseneinrichtungen und später Krankenhäuser. Auch das soll die Gesundheitsämter entlasten – genauso wie die an der Belastungsgrenze ächzenden Kapazitäten der Berliner Labore.

Unter ging auch, dass die Zahl der Kontaktpersonen in der vergangenen Woche "spürbar sank", wie mehrere Amtsärzte bestätigten. Ein Indiz dafür, dass sich die Berliner wieder stärker vereinzeln. Kommt das zu spät, um einen Lockdown zu verhindern? Wir wissen es nicht. Hätten sich die Gesundheitsämter im Sommer besser auf den Herbst vorbereiten können? Wahrscheinlich. Steht Berlin damit allein da? Was für ein Unsinn. Berlin hat jetzt gehandelt, statt weiter zu hoffen. Andere Städte werden folgen. Wer mag, kann seinen Zeigefinger wieder einstecken.