gestern Abend war live im TV der Eintritt der CDU in die Anarchosphäre zu sehen – scheinbar führungslos trudelt das Parteiraumschiff dem Aufprall mit der Wirklichkeit entgegen. Und die beschrieb SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz kurz vor Mitternacht so: „Eine Regierungsbildung ohne die CDU ist möglich“ – nicht nur in Baden-Württemberg (-2,9% auf 24,1%) und in Rheinland-Pfalz (-4,1% auf 27,7%), sondern auch im Bund. Denn da blinkt auf einmal ein Modell am politischen Horizont, dass sogar für die Berliner Abgeordnetenhauswahl neue Spannung verspricht: die Ampel, bestehend aus Rot, Grün und Gelb (Reihenfolge offen).

Doch der CDU-Vorsitzende Armin Laschet hielt sich an die Konvention, als wäre dies eine Nacht wie jede andere – und das bedeutet: Er hielt sich zurück und schickte lieber den Oldtimer und Ex-Minister Thomas de Maizière ins Studio von Anne Will, wo neben dem fröhlichen Scholz der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck feixte. Anstatt mutig wie aufsehenerregend dem Desaster – und damit den Wählerinnen und Wählern – ins Auge zu blicken, versteckte er sich hinter der gemächlichen Gewohnheit, erst am Morgen danach, also heute, im Anschluss an die heilige Gremiensitzung zu erklären, was er im Grunde selbst nicht versteht: Wie kam er dahin – und wie kommt er da raus?

Nicht einmal ein Tweet waren Laschet die Landtagswahlen wert – der letzte Eintrag ist vom 11.3., er lautet: „Hervorragender Austausch mit dem Außenminister von Jordanien Ayman Safadi zu den Herausforderungen eines sich dynamisch verändernden Nahen Ostens“. Das wirkt reichlich abgehoben, wenn nicht gar hilflos entrückt.

Doch auch international ist die Analyse der beiden Landtagswahlen klar: „Der Schlag der Wähler war brutal“, schreibt der Economist, und weiter: „Die Regierungspartei musste einen ernsten Treffer hinnehmen.“

Und schon schwebt der ewige Friedrich Merz als Wiedergänger durchs verlassen wirkende Raumschiff: Die „Werte Union“ fordert für ihn eine wichtige Rolle – obwohl die Wanderungsanalysen zeigen, dass es der CDU auch ohne rechtskonservativen Krawall noch gelang, in erheblichem Maß Stimmen von der AfD zurückzuholen.

In beiden Ländern gewannen echte Persönlichkeiten die Wahl: Winfried Kretschmann und Malu Dreyer. Für die CDU mühten sich dagegen Susanne Eisenmann und Christian Baldauf ab. Die Lobby-Affären in der Unionsfraktion mögen ein wenig geschadet haben (für die vielen Briefwähler kamen sie ohnehin zu spät), und auch das Corona-Chaos, entstanden aus der üblen Kombination von Sprunghaftigkeit und Überbürokratisierung, versehen mit dem Bild von Jens Spahn, hat sicher zum Verdruss beigetragen. Aber entscheidend war der Eindruck, dass bei der Union hinter den Türen entweder keiner mehr ist (Merkel) oder noch keiner ist (Kanzlerkandidat), und der neue Vorsitzende durch den Spalt ruft: „Jetzt nicht!“ Nur – wann dann? Es ist höchste Zeit für ein gemeinsames Frühstück von Laschet und Söder - und wenn der Tee alle ist, muss einer der beiden in die verwaiste Kommandozentrale, für die Schubumkehr: Raus aus der Anarchosphäre.