Die Demokratie sieht nicht gut aus dabei

Dass der wütende Tofuteufel aus Charlottenburg sich online bereits zum Reichskanzler ausruft, wäre vielleicht zum Lachen, wenn er nicht 75.000 Follower hätte, die nun ihren Sieg über die angebliche Diktatur feiern, die ihnen in Gestalt von Innensenator und Polizeipräsidentin den Mund verbieten wollte. Dass der normale juristische Vorgang – Gerichte wägen ab und entscheiden; in diesem Fall zu Gunsten des Versammlungsrechts – von Coronaleugnern & Co. als Triumph gefeiert werden kann, ist maßgeblich Andreas Geisels Erklärung geschuldet, er wolle Berlin nicht als Bühne für Reichsbürger und Verschwörungsgläubige missbraucht sehen. So verständlich dieser Gedanke (der in der Verbotsverfügung richtigerweise gar nicht auftaucht) politisch ist, so fatal daneben war der Moment, ihn auszusprechen. Auch die AfD hat ihn bereits dankbar in ihre immerwährende Opferinszenierung aufgenommen: „Nie war es wichtiger, ein Zeichen zu setzen“, verkündete der Landeschef der Partei, bei der Coronaleugnung inzwischen zum Kernsortiment gehört.

Viele derer, die an diesem Wochenende am „Sturm auf Berlin“ teilnehmen, sind mit Fakten nicht mehr zu erreichen. Doch Geisels Worte dürften bei manchen zwar skeptischen, aber bisher nicht im Verschwörungsgeflecht gefangenen Bürgern eine Solidarisierung ausgelöst haben, die er nicht gewollt haben kann. War der Beifall der vernünftigen Mehrheit, der diese Versammlung ohnehin ein Graus ist, das wirklich wert?

Nun also können sich die Impfgegner, Reichsbürger und Rechtsradikalen so richtig als Märtyrer fühlen. 3000 Polizisten sollen dafür sorgen, dass inmitten der zur Schau gestellten Ignoranz und Endkampf-Rhetorik ein Minimum an Infektionsschutz gewährleistet wird und die Aggression unter Kontrolle bleibt. Man mag nicht tauschen mit den Beamten – und ihnen wünschen, dass sie alle dieses Wochenende unversehrt überstehen. Vielleicht haben wir danach ein paar neue Corona-Hotspots in Deutschland, auf die dann reagiert werden muss, sodass die Mitverursacher noch lauter als zuvor „Diktatur!“ schreien werden. Im Unterschied zur Diktatur wird die Demokratie sie nicht daran hindern. Aber sie sieht nicht gut aus dabei.