Amtsärzte im Clinch mit Kalayci: Wie sinnvoll ist die Teststrategie der Gesundheitssenatorin?
Dilek Kalayci hat ein Konzept vorgelegt, wie man mit Corona-Tests verfahren will. Berlins Amtsärzte widersprechen ihr in einem entscheidenden Punkt. Von Julius Betschka
Schwierige Tage für die Gesundheitssenatorin. Alle zwölf Amtsärzte schrieben ihr am Mittwoch einen offenen Brief, in dem sie sich über Alleingänge und fehlende Kommunikation beklagten. Am Donnerstag musste Dilek Kalayci einräumen, dass das am Montag eröffnete Covid-19-Krankenhaus noch gar nicht richtig fertig ist. Und am Freitag erklärte auch die Kassenärztliche Vereinigung, sich über die Kommunikation der Gesundheitsverwaltung zu wundern. Vieles erfahre man nur aus der Presse. Weitere Baustelle: Seit Wochen wartet der Senat auf die Test-Strategie der Gesundheitssenatorin. Kalayci hatte gesagt: „Wir müssen testen, testen, testen.“ Dem Checkpoint liegt nun ein Konzept vor – und eine Stellungnahme der Amtsärzte dazu. Die wichtigsten Punkte:
1) Die Amtsärzte widersprechen dem Ansatz der Senatorin, möglichst viele Testungen durchzuführen. „Testen ersetzt keine Schutzmaßnahmen und verhindert keine Infektionsübertragung.“ Es könne falsche Sicherheit entstehen, weil Infektionen in der langen Inkubationsphase von 14 Tagen nicht entdeckt werden.
2) Die Gesundheitsämter sollen laut der Strategie enge Kontakte (Kategorie I) von Infizierten, weniger enge Kontakte (Kategorie II) und medizinisches Personal (Kategorie III) durchtesten. Die Amtsärzte merken an: „Bei einer Testung aller Kontaktpersonen der Kategorie II müssten die Gesundheitsämter sofort Überlastung anmelden.“ Medizinisches Personal werde „engmaschig überwacht“, eine einmalige Testung aller: „kontraproduktiv“. Vielmühr müsse man die Ressourcen für „umfangreiche gezielte Testungen“ einsetzen.
3) Alle Patienten, die in ein Krankenhaus kommen, sollen getestet werden. Die Amtsärzte plädieren für „Aufnahme- und Entlassungsscreenings mindestens bei vulnerablen Gruppen“. Sobald die regulären Aufnahmen in Krankenhäuser hochgefahren würden, müsse die Regelung „Dynamiken zulassen“.
4) Alle 12.000 Erzieher in der Notbetreuung der Kitas sollen durchgetestet werden. Amtsärzte: „Dies führt zu keinen validen Ergebnissen. Aufwand und Nutzen stehen in keinem Verhältnis. Kinder und Erzieher sind niedrigschwellig zu testen, bei Symptomen und im Rahmen von Ausbrüchen.“
5) Generell warnen die Amtsärzte vor dem Prinzip „Giesskanne“. Dem Papier aus der Gesundheitsverwaltung „fehlen wichtige Details – wann soll wer und wie getestet werden und mit welcher Konsequenz“, schließen die Mediziner.
Eine Friedenpfeife zwischen Amtsärzten und Senatorin riecht anders. Checkpoint-Prognose: Bis das Konzept am Dienstag (eventuell) vom Senat beschlossen wird, wird noch kräftig dran gehobelt.