E-Scooter – das überschätzte Problem
E-Scooter sind der Tur Tur der städtischen Mobilitätserzählung: So wie der harmlose Scheinriese in Michael Endes Lummerland werden sie immer kleiner, je näher man ihnen kommt. Und auch sie können nichts dafür, dass sich die Menschen vor ihnen wegen ihrer vermeintlichen Größe fürchten, oder besser gesagt: vor der vermeintlichen Größe der Probleme, die sie verursachen.
Ja, wer einmal dafür sensibilisiert ist, dem stehen oder liegen die Tretroller mit Elektroantrieb scheinbar tatsächlich überall im Weg. Und schon haben wir ein Riesenproblem, mit dem sich Medien, Politik und Gerichte mit Leidenschaft beschäftigen. Der vorherrschende Ton: Hilfe, wer rettet uns vor dem E-Scooter-Chaos! Gefordert werden harte Restriktionen. Zugleich lehnen 80 Prozent der Leute die Umwandlung von ein paar Autoparkplätzen in Stellflächen ab.
Angesichts der absoluten Mengenverhältnisse (30.000 Roller, 1,2 Mio. Autos, 3 Mio. Fahrräder) ist ein Teil der Massenhysterie wohl nur mit dem bewusstseinsverändernden Genuss von zu vielen Autoabgasen zu erklären. Rational ist sie jedenfalls nicht. Auch Autos stehen überall im Weg, und das im Wortsinn – auf Straßen, auf Gehwegen, auf Radstreifen, auf Baumscheiben, durchschnittlich 23 Stunden am Tag. Das Gleiche gilt für Fahrräder (allein die Zahl der dauerhaft im Weg stehenden Fahrradleichen übersteigt bereits die Zahl der funktionstüchtigen Roller). Nur nimmt das kaum noch jemand wahr. „Inattentional Blindness“ nennen Forscher das. Nur was neu und anders ist, fällt auf.
Im Gesamtgefüge spielen die Roller kaum eine Rolle. Aber sie sind, vor allem wegen der großen Ablehnung jener, die sie nicht nutzen, der perfekter Blitzableiter. Je mehr über Scooter gesprochen wird, desto weniger Zeit bleibt für den Rest, und das heißt: für den Blick auf das große Ganze. Denn allen Ankündigungen und Koalitionsverträgen zum Trotz ist die Verkehrswende eine Schnecke. Unfallschwerpunkte bleiben jahrelang, was sie sind, Straßenübergänge sind oft eine Art Survival-Challenge, der Nachschub an Bahnen und Bussen stockt, die Zahl der Autos steigt. Mehr Sharing-Angebote könnten Entlastung schaffen, aber in Berlin werden die Anbieter aus ideologischen Gründen gegängelt.
Dennoch spricht viel dafür, Fehlverhalten von E-Scooter-Fahrern konsequenter zu sanktionieren, Abstellflächen auszuweisen, die Anbieter stärker in die Verantwortungspflicht zu nehmen. Es spricht aber auch nichts dagegen, Scooter als das zu akzeptieren, was sie sind: ein Beitrag zur Mikromobilität.