Eine alte Frau steht am Abend mitten auf der Neuen Jakobstraße

Die Frau schlurft in Hausschuhen über die Straße. Autos rasen an ihr vorbei. Unser Autor spricht sie an. Sie will nach Hohenschönhausen. Von Lorenz Maroldt

Eine alte Frau steht am Abend mitten auf der Neuen Jakobstraße
Nicolas Armer/dpa

Samstagabend gegen 20.30 Uhr: Mitten auf der Neuen Jakobstraße bei uns ums Eck steht im Dunklen eine alte Frau, gestützt auf ihren Stock; sie wirkt verwirrt. Autos rasen links und rechts vorbei, sie schlurft in ihren Hausschuhen einen Schritt weiter, dann noch einen. Wir helfen ihr auf den Gehweg.

Wohin sie denn wolle? „Nach Hohenschönhausen, zu meiner Tochter.“ Sie hat kein Geld dabei, keinen Schlüssel, kein Handy, keine Nummer. Aber sie weiß, wo sie selbst wohnt, „seit 1955“. Sie hat nur ein paar Dutzend Meter geschafft. Ob wir bei den Nachbarn klingeln sollen? „Die sind mir nicht wohlgesonnen. Ich gehe denen auf den Senkel.“ Und einen Schlüssel haben die auch nicht. Hat sie einen Pflegedienst? Ja, hat sie. Wir schauen nach, es gibt keine Notfallnummer. Können wir die Tochter anrufen? „Die ist nicht da, die hat Schicht.“ Also die Polizei? „Dann ist meine Tochter wieder böse auf mich.“ Aber was sonst? Den Schlüsseldienst holen? Und dann? So können wir sie nicht allein lassen.

Wir rufen die Polizei, zwei sehr freundliche junge Beamte steigen aus. Sie kennen die Frau schon länger und begrüßen sie mit ihrem Namen: „Was machen Sie denn, wir waren doch heute schon bei Ihnen!“ Vor Stunden hatten die Beamten mal wieder die Tochter anrufen und herbitten müssen. Jetzt ist sie nicht zu erreichen. Die alte Frau kann kaum noch stehen, sie lehnt an der Haustür, wir stützen Sie. Es geht ihr nicht gut. „Sie hätten überfahren werden können“, sagen wir zu ihr. „Ich habe keine Angst vor Autos“, erwidert sie. „Ich bin ein bisschen lebensmüde. Ich wollte schon mal ins Wasser.“ Sie streichelt unseren Pomeranian-Welpen, zieht den kleinen Hund sachte mit einer Hand ganz nah an sich heran und flüstert: „Ich liebe Tiere. Tiere sind immer ehrlich. Nicht so falsch wie Menschen.“ Dann fährt ein Krankenwagen vor.