Berliner Kleinstaaterei auf den Spielplätzen
Der Senat will Kinderspielplätze nicht schließen – nun melden sich die Bezirksbürgermeister von Spandau und Mitte zu Wort. Von Lorenz Maroldt
Der Senat ist auf der angemessenen Betriebstemperatur angekommen – aber die strukturellen berlintypischen Probleme schaukeln sich gerade in der Krise hoch, Beispiel Spielplätze: Hier war der Senat der Schließungsempfehlung des Bundes nicht gefolgt (Lederer: „Weil in der Großstadt nicht jedes Haus einen Garten hat und Kinder in kleinen Wohnungen nach Wochen einfach krank werden“), aber fünf Bezirke machten dennoch dicht – völlig überraschend hielten sich viele Kinder nicht an den Ratschlag der Gesundheitssenatorin, beim Spielen auf Distanz zueinander zu gehen. Tja.
Der Regierende Bürgermeister hatte in der vergangenen Woche erste Corona-Maßnahmen hinausgezögert, weil er ein einheitliches Handeln der Länder wollte – jetzt konnte er nicht mal im eigenen Gärtchen föderalen Wildwuchs verhindern.
Eine Mail des unter Quarantäne stehenden Mitte-Bürgermeisters Stephan von Dassel an seine elf Kolleginnen und Kollegen verdeutlicht das Dilemma – hier ein Auszug:
„Faktisch können wir uns ja nur zwischen Pest und Cholera entscheiden, ich halte die Offenhaltung nach wie vor für richtig, einheitliches Handeln aber für noch wichtiger. Aus virologischer Sicht haben die Schließungsbefürworter sicherlich Recht, hier wäre die vollständige Quarantäne aller Bürger*innen für mehrere Wochen das Beste. Aber wir haben wirkliche tausende Familien in unserem Bezirk, bei denen mir Angst und Bange wird, wenn diese über längere Zeit in ihren oftmals ja beengten Wohnungen bleiben (…). Und aus meiner Sicht müssen wir das öffentliche Leben so organisieren, dass diese Regeln dann auch für mehrere Wochen durchhalt- und der Bevölkerung vermittelbar sind. Regeln, an die sich niemand hält oder die nur mit Polizeigewalt durchzusetzen sind, helfen niemand.“
Und hier die Antwort von Helmut Kleebank aus Spandau (Auszüge):
„Spandau folgt damit der Linie der Bundesregierung und auch dem Sinn nach den bisherigen Maßnahmen des Landes Berlin, nämlich Sozialkontakte möglichst zu vermeiden und Veranstaltungen zu unterbinden. Dem Virus ist es nämlich egal, ob wir die Begegnung von Menschen eine Veranstaltung nennen oder nicht. Faktisch sehen wir aber Spielplätze mit Dutzenden von Kindern samt Eltern, die quasi permanent direkten Kontakt miteinander haben. Wenn wir die Spielplätze offenlassen, verlegen wir also die Übertragung von den mittlerweile geschlossenen Kitas und Schulen auf die Spielplätze. (…) Nicht Spandau hat die einheitliche Linie verlassen, sondern der Senat ist der mit der Bundeskanzlerin verabredeten Linie nicht gefolgt. Wieso stimmt Berlin dieser Verabredung erst zu, setzt sie dann aber nicht um?“