Der Senat teilt die Stadt – in systemrelevant und irrelevant

Eine 28-seitige Aufzählung der wichtigsten Berufe soll die Kita-Notbetreuung regeln. Das Essentielle fehlt ihr allerdings: Die Kultur. Ein Checkpoint-Kommentar von Lorenz Maroldt.

Der Senat teilt die Stadt – in systemrelevant und irrelevant
Foto: Jörg Carstensen/dpa

Am Montag eröffnet „Berlins neue Kathedrale des Wissens“ (Hermann Parzinger im Tagespiegel): die Staatsbibliothek Unter den Linden (nach 15 Jahren Sanierung). Eigentlich wäre das ein Feiertag für die Berliner Kultur, aber die hat der Senat zum Weinen in den Übungsraum verbannt (und jetzt schließen auch noch die Bibliotheken – mehr dazu gleich).

183mal taucht das Wort „Kultur“ im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag auf – in der Senatsliste der systemrelevanten Berufe dagegen nur zweimal: bei „Sonderkultur- und Gartenbaubetrieb“ sowie „Aquakultur“. Von Theater, Musik, Malerei, Literatur keine Spur (als hätten Künstler im Lockdown nichts zu tun).

Kultur ist für die öffentliche Selbstverständigung der Stadtgesellschaft lebenswichtig und unentbehrlich“, hatte die Stadtregierung zu Beginn ihrer Amtszeit 2016 postuliert – am Ende reicht es nicht einmal mehr zu einem Berechtigungsschein für die „Notversorgung“ in der Kita.

Den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken“, lautet ein zentrales Kapitel im Koalitionsvertrag – doch dieses Versprechen zerbröselt in der Krise wie ein zertretenes Knäckebrot. Der Senat teilt Berlin in zwei Hälften: Auf der einen Seite leben und arbeiten diejenigen, die von den Verwaltungen als „systemrelevant“ erstklassifiziert wurden. Versicherungsmakler sind ebenso darunter wie Mitarbeiter von Besamungsstationen und Brütereien, Abgeordnete, Imker, Journalisten und Fischer (Soldaten u.U. übrigens doch auch, CP von gestern). Wer sich auf der 28-seitigen Liste nicht wiederfindet, ist damit amtlich als überflüssig abgestempelt, als nicht wichtig genug – als systemirrelevant. Für sie gibt es keine Liste, aber einige von ihnen sind leicht zu finden: in den Imagebroschüren der Stadtvermarkter. Es sind diejenigen, die der Regierende Bürgermeister bei schönem Wetter stolz herausstellt, wenn er in der Weltgeschichte herumgondelt: Tüftler und Erfinder, Riskierer und Probierer, Künstler, Lebenskünstler und Überlebenskünstler. Sie sind abgemeldet, mindestens bis zur ersten postpandemischen Sonntagsrede.