Berlins Solidarität mit Kiew wird sich erst zeigen müssen
Über alle Flaggensymbole und bunt angestrahlten Gebäude hinaus: Echte Hilfe ist das, was bleibt, wenn der Moment der Betroffenheit vorüber ist. Ein Kommentar. Von Nina Breher
Am Sonntag haben die Berliner*innen gezeigt, auf welcher Seite der Geschichte sie stehen möchten: Mehr als 100.000 demonstrierten zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor ihre Solidarität mit der Ukraine und zeigten, dass sie nicht nur verstanden haben, wie nah dieser Krieg ausgefochten wird („Berlin–Freiburg 680 km, Berlin–Front 670 km“ – ein Transparent auf der Demo; Q: Morgenpost), sondern auch, wie man darauf antworten möchte.
Zwar macht die Teilnahme an einer Anti-Kriegs-Demo im sicheren Berlin bekanntlich keinen Frieden. Und auch „Imagine“ von John Lennon, das dort gespielt wurde, hat sich historisch als eher wirkungslos erwiesen. Die Menschenmasse kreiert zunächst einmal nur eines: Bilder. Aber dass die wirken, haben die letzten Tage einmal mehr gezeigt.
Immerhin ist der Ukraine-Konflikt der erste Krieg auf europäischem Boden, in dem Social Media fester Bestandteil des Kampf-Repertoires sind – der russischen Seite mit ihren Bots, aber auch der ukrainischen Verteidigungs-Seite, die eine David-gegen-Goliath-Heldengeschichte erzählt. Selenskyj, Präsident und Social-Media-Star, schickt kämpferische Selfie-Videos in die Welt. Dank der Handykameras von Soldaten und Zivilisten gehen Videos von liegengebliebenen russischen Panzern (Youtube/Guardian) und Schiffen (Twitter/Fatima Tlis) viral. Diese Dynamik macht auch die Bilder der Hunderttausend in Berlin umso relevanter.
Dennoch ist das nicht der entscheidende Moment. Der kommt erst, wenn Alltag einkehrt. Sobald die blau-gelben Flaggen-Emojis wieder aus den Profilbildern und Namen bei Whatsapp und Co. verschwunden sind und die Fassaden aller möglichen Gebäude nicht mehr emphatisch in den ukrainischen Nationalfarben bestrahlt werden, wird sich zeigen, wie ernst Berlin es mit der Solidarität wirklich meint.