Bericht eines Wahlvorstehers wider Willen

Wie chaotisch alles organisiert war, zeigt beispielhaft der Bericht eines Wahlhelfers aus Charlottenburg-Wilmersdorf an den Checkpoint, den wir hier gekürzt dokumentieren (etliche weitere Berichte fielen ähnlich aus):

„Ich hatte mich vor Monaten als Wahlhelfer gemeldet. Da sich das Wahlamt bis zur Woche vor dem 26.9. nicht bei mir gemeldet hatte, versuchte ich nachzufragen – doch am Telefon war niemand erreichbar, auf Mails gab es keine Antwort.“

„Einen Tag vor der Wahl erhielt ich einen Anruf: Gerne würde man mich als stellvertretenden Wahlvorsitzenden in einem Briefwahllokal einsetzen. Auf meinen Hinweis, dass ich jetzt andere Pläne hätte (es war der Geburtstag meiner Frau), sagte man mir, ich könne zwar widersprechen, sei aber jetzt zur Hilfe verpflichtet.“

„Am Morgen des Wahltags bekam ich per Mail eine Kurzschulung. Um 14 Uhr kam ich am Wahllokal Messe/ICC an, reihte mich in eine lange Schlange ein und war um 15 Uhr drin.“

„Als ich an meinen Wahltisch kam, saßen dort die anderen Helfer und warteten, die Wahlunterlagen und Wahlurne holen zu dürfen. Der Wahlvorsteher war nicht erschienen, die anderen sagten: Gut, dass Sie da sind, dann könnten wir ja anfangen.“

„Ich war also auf einmal Wahlvorsteher. Ohne Schulung, mit einer kleinen PDF-Präsentation, die ich wenige Stunden vorher erhalten hatte. Das Heft mit Anweisungen für Wahlvorsteher war nicht zu finden. Ich fragte die Wahlvorsteherin am Nebentisch, was wir jetzt tun sollten, und wir wurstelten uns irgendwie durch.“

„Im Laufe der Auszählung gab es immer mehr Unklarheiten, ich lief zum Infotisch, fragte die benachbarte Vorsteherin, aber die hatte selbst genug zu tun. Meine Bitte, uns einen qualifizierten Vorsteher oder eine Vorsteherin zu stellen, wurde abgewiesen; wir sollten uns einfach ans Protokoll halten.“

„Natürlich passierten uns Fehler, so wurden die ungültigen Stimmen nicht richtig erfasst und wir wussten auch nicht, wie wir mit losen Wahlzetteln verfahren sollten. Ich fragte am Infotisch und am Nachbartisch und bekam zwei gegensätzliche Auskünfte.“

„Das Wahlamt stellte nur das finale Protokoll, in dem keine Änderungen gemacht werden können, und Schmierzettel zur Verfügung. Für alle Zwischenschritte mussten wir ein eigenes System entwickeln. So passierte uns bei den Bundestagswahlzetteln Übertragungsfehler. Zusammen mit der lückenhaften Erfassung von ungültigen Stimmen gingen die Zahlen nicht mehr auf.“

„Irgendwann brachte ich den Schnellmeldebogen zum Faxgerät.“

„Irgendwo fand ich auch noch 4 Stimmen für eine Kleinpartei, die nicht erfasst worden waren.“

„Der Vorsteher auf der anderen Seite war Student und sagte immer: Ich glaube, das funktioniert so. Aber sag mir, wenn ich daneben liege.“

„Gegen 22.30 Uhr waren einige Wahlhelfer erschöpft und verließen uns. Kurz nach Mitternacht gab ich die Wahlurne ab. Wir waren hungrig und durchgefroren und wünschten uns alle etwas mehr Unterstützung bei der nächsten Wahl.“