Sit-ins für Ulrike Meinhof und Verklärung der Geschichte: Wie RAF-Sympathisanten über die Terrorgruppe sprechen
Mehrere Personen sind unserem Aufruf gefolgt und haben ihre RAF-Geschichte erzählt. Stimmen über das Stammheim-Trauma, Freundschaften mit den späteren Terroristen und Sit-Ins am Grab von Ulrike Meinhof. Von Margarethe Gallersdörfer
Falls Sie sich das fragten: Wenn man via Checkpoint RAF-Sympathisant:innen um Stellungnahme bittet (CP vom 1. März), dann melden sich auch welche. Acht an der Zahl! Bevor ich Ihnen hier einen kleinen Überblick gebe, was diese Menschen so zu sagen haben, halten wir aber noch einmal fest:
Knapp drei Dutzend Tote dürfen niemals verharmlost oder relativiert werden. Genauso wenig wie die stumpfe Paranoia, in der mögliche Zielpersonen der Rote Armee Fraktion (RAF) und ihre Familien jahrelang leben mussten. Gefragt habe ich allerdings, weil die RAF auch eine ungewöhnliche Terrorgruppe war – ihre Gründer:innen und viele Mitglieder entstammen bekanntermaßen dem Schoß des westdeutschen Bildungsbürgertums und hatten zeitweise auch entsprechenden Rückhalt in der Bevölkerung. Das merkt man auch an den Zuschriften, die ich bekommen habe. Bitte betrachten Sie die folgenden Aussagen als Zeitdokument – nicht als zustimmende oder verständnisvolle Wiedergabe. Auch wenn sie manchmal witzig klingen.
+++ Eine 75-jährige Großmutter machte sich in einer Mail über die Aufregung lustig, die die Waffenfunde bei Daniela Klette ausgelöst haben: „Ja was denken denn die Leute von einer ehemaligen Terroristin – dass sie mit Kuscheltieren schläft? Natürlich müssen es Panzerfäuste und Kalaschnikoffs sein. Chapeau! Standesgemäss finde ich das – auch mit meinen 75 Jahren und immer noch links.“ Natürlich, schreibt sie, bewaffne sie selbst sich nicht und „achte Grundgesetz und Regeln – aber auf Demos um Missstände und Ungerechtigkeit anzuprangern gehe ich immer noch und verführe meine Enkel. So viel Ungehorsam muss bleiben.“
+++ Was auffällt: In den meisten Zuschriften treten der deutsche Staat und die RAF gleichsam als ebenbürtige Gegner mit jeweils eigenen Beweggründen auf – wobei der jetzige Staat als ein rachsüchtig handelnder Akteur wahrgenommen wird.
+++ Das Stammheim-Trauma sitzt tief: Wenn die Sympathisant:innen die Stuttgarter Justizvollzugsanstalt erwähnen, dann immer gemeinsam mit dem Wort „Morde“. Dass Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Andreas Baader sich in der Haft suizidiert haben, wird offenbar bis heute als Lüge betrachtet.
+++ Einige Zuschriften kamen von Veteranen der Berliner Antifa- und Autonomenszene: So zum Beispiel von einem ehemaligen deutschen Nationaltrainer, Jahrgang 1966, der am Checkpoint-Telefon ankündigte, er würde Daniela Klette besuchen, falls sie doch länger ins Gefängnis müsse und sie ihn empfangen würde. Er hat bittere Erinnerungen an Zeiten, als die Polizei in Kreuzberg regelmäßig in besetzte oder von Mitgliedern der linken Szene bewohnte Häuser einfiel, um „unter anderem nach Flüchtigen zu suchen“. An Polizisten, „die um halb sechs Uhr früh die Haustür aus nicht erkennbaren Gründen eintraten und drohten, meinen Hund zu erschießen. Die bei Demos gegen Nazis auf Autonome und Antifaschisten losgegangen sind.“ Den Staat als repressives, von Alt-Nazis durchsetztes Element zu entlarven, war für ihn „Teil der nachvollziehbaren Ideologie der RAF“.
+++ Ein Leser, der mit einem Mitglied der ersten RAF-Generation verwandt ist, schrieb uns: „Sympathie ist ja ein Bauchgefuehl. Ich weiss schon, dass eine Gesellschaft verbindliche Strafnormen braucht, dass die Exekutive nicht die bevorzugte Heimat von Charismatikern ist, und dass das betruebliche Konsequenzen hat. Weiter gehe ich davon aus, dass der bewaffnete Kampf nicht das geeignete Mittel zur Schaffung einer gerechten Gesellschaft ist. Und ich bin definitiv Verfassungspatriot.
Trotzdem: an Sympathie fuer die RAF und deren Mitglieder mangelt es mir nicht. Sie handeln aus Ueberzeugung entschieden und tragen die Konsequenzen. Ich wuenschte, unsere Gesellschaft wuerde souveraener damit umgehen.“
+++ Ein weiterer Leser ist gemeinsam mit Christian Klar, Knut Folkerts und Johannes Thimme aufgewachsen: „alles nette und empathische Jungs – möglicherweise zu empathisch“. Ziehe man in Betracht, „was damals politisch alles an üblen Dingen passierte, ist ein Radikalisieren besonders empfänglicher Menschen nachvollziehbar“. Genannt werden die Proteste gegen den Schah von Persien, Benno Ohnesorgs Tod und der Anschlag auf Rudi Dutschke. „Diese ganze Gemengelage mußte zu einer Eskalation führen – und bekanntlich sind für eine Eskalation immer zwei Parteien notwendig – und die eine war eben unser (scheinheilige und verlogene – das muß man einfach feststellen) Staat.“
+++ Besonders mit der Frage, ob jemand heimlich die Daumen drücke, dass Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg nicht auch noch gefasst werden, konnten viele etwas anfangen. „Ich drücke die Daumen – aus Mitgefühl“, schreibt der eben erwähnte Leser. „Ich bin selbst alt geworden, die ehemaligen Terroristen sind alt geworden – Gefahrenabwehr – lächerlich. Durch ihre Untergrundexistenz sind sie genug geläutert. Was soll diese späte Rache des Staates? Kleinkariert wie eh und je.“
Wir schließen mit der Beobachtung einer Leserin, die regelmäßig am Grab von Ulrike Meinhof in Mariendorf vorbeikommt. „Seit mehr als 30 Jahren machen wir dort die Beobachtung, dass das Grab von unterschiedlichen Menschen (Sympathisanten?) liebevoll gepflegt und mit Blumen, Gegenständen und Nachrichten auf Zetteln geschmückt wird.“ Hin und wieder, sagt sie, werde sie angesprochen und nach der Stelle befragt. „Oft ist es auch zu beobachten, dass Besucher offensichtlich in der Nähe belanglos tun, um dann das Grab zu besuchen, wenn wir uns zum Ausgang bewegen. Es sollen auch Sit-ins auf dem Grab stattfinden; eines habe ich selbst vor einigen Jahren erlebt, mit circa acht Personen.“