Warum die Berliner so schlecht über den Senat denken

Nirgendwo sonst wird das Corona-Krisenmanagement so schlecht bewertet wie in Berlin. Wieso? Wir haben nachgefragt in Politik, Kunst, Gastronomie und Wirtschaft. Von Julius Betschka

Warum die Berliner so schlecht über den Senat denken
Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Apropos beispielhaft: Diese Pandemie geht allen auf die Nerven, aber den Berlinern anscheinend ein bisschen mehr als allen anderen. In keinem anderen Bundesland sehen die Menschen die Arbeit ihrer Landesregierung in der Corona-Krise so negativ. Das ergab eine repräsentative Civey-Umfrage im Auftrag des Tagesspiegel. 47,1 Prozent der Berliner sind demnach unzufrieden oder sehr unzufrieden (20 Prozent) mit dem Management des Senats, nur die Bremer Regierung schneidet mit 42 Prozent Ablehnung ähnlich schlecht ab.

Im Bundesschnitt sind knapp 50 Prozent eigentlich ganz zufrieden mit dem Corona-Management ihrer Regierungen, in Berlin: 42 Prozent. Meckern die Berliner nur besonders gern oder läuft das Krisen-Management des Senats tatsächlich so schlimm? Wir haben nachgefragt in Politik, Kunst, Gastronomie und Wirtschaft:

Beatrice Kramm, Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Berlin
„In der ersten Phase hat der Senat aus Sicht der Wirtschaft sehr zügig reagiert. Natürlich hat sich in diesem Jahr aber bitter gerächt, dass Berlin bei der Digitalisierung der Verwaltung noch erheblichen Nachholbedarf hat. Dass dann die Verwaltung per Gesetzesänderung die Möglichkeit erhalten hat, einseitig Fristen zu verlängern, war die falsche Antwort auf die wochenlange Nichterreichbarkeit einiger Ämter.

Die Zeit der relativen Entspannung im Sommer wurde wahrscheinlich nicht optimal genutzt, um Vorsorge für die zweite Welle zu treffen. Es fehlt bislang auch an einem Konzept für das weitere Vorgehen. Einen Lockdown ‚Light‘ immer wieder zu verlängern, bis genügend Berliner geimpft sein werden, reicht als Konzept nicht aus.“

Peter Edinger, Besitzer der Bar Lindemann
„Ich habe das Gefühl, dass die Menschen in Berlin immer ein bisschen unzufriedener sind als im Rest der Republik. Was mich sehr trifft ist, dass wir uns an die Regeln gehalten haben, dann wurden uns wieder Hilfen versprochen – man hatte das Gefühl, um uns ruhig zu halten und sich Zeit zu verschaffen – aber nichts ist passiert. Die Novemberhilfen sind immer noch nicht angekommen, das ist einfach frustrierend.“

Kai Wegner, CDU-Landesvorsitzender
„Die Unzufriedenheit der Berliner mit dem Corona-Management von Rot-Rot-Grün überrascht mich nicht. Immer wieder handelt der Senat gespalten. Das Regelwerk wird auch nicht konsequent durchgesetzt. Es ist frustrierend, wenn man sich als normaler Bürger an alle Regeln hält, aber manche Personengruppen sich über alles hinwegsetzen können. Als einziges Bundesland ohne ein eigenes Hilfsprogramm mit Zuschüssen für klein- und mittelständische Unternehmen wird Rot-Rot-Grün der Verantwortung für die Arbeitsplätze in unserer Stadt nicht gerecht.“

Felix Schiller, Schriftsteller und Lyriker:
„In Berlin sammeln sich Menschen, die in gesteigertem Maß unabhängig, frei und aktiv sein möchten. Dass in solchen Milieus die Maßnahmen schwieriger zu akzeptieren sind oder als besonders einschneidend erlebt werden, scheint mir vielleicht mit der Unzufriedenheit zusammenzuhängen. Andererseits erlebe ich auch viele Menschen, denen die Maßnahmen nicht weit genug gehen angesichts der Situation, besonders aus dem Pflege- und Krankenhausbereich.

Natürlich wünscht man sich klarere, genauere Vorgaben, weniger Ausnahmen und einen weiteren Horizont, aber auch die Politik befindet sich im Ausnahmezustand. Bisher konnte ich die meisten Entscheidungen nachvollziehen – außer den Verzicht auf ein Böllerverbot.“