Politiker ohne Maske

Lindner ist längst nicht mehr allein:Auch vom Bundespräsidenten ist ein Foto ohne Abstand und Maske aufgetaucht – es zeigt Frank-Walter Steinmeier in Südtirol posierend mit dem Landeshauptmann Arno Kompatscher sowie einer Gruppe Musikerinnen. Und am Wochenende erwischte es Ricarda Lang: Ein Foto, konspirativ zwischen zwei Bahnsitzen hindurch fotografiert von AfD-MdB Joana Cotar, zeigt die stellvertretende Grünen-Vorsitzende ohne Maske, aber mit McDonalds-Tüte auf dem Tisch. In allen Fällen war zunächst Häme noch die freundlichste Reaktion, Lang wurde am Sonntag massiv beleidigt.

Ja, der Bundespräsident hatte uns gerade erst in der Pose des Volkspädagogen zum Maskentragen ermahnt, und die Grünen erwägen Werbeeinschränkungen für Junkfood. So what? Das wird ja dadurch nicht falsch. Na klar, es wäre besser, Politiker hielten sich an das, was sie selbst für andere beschließen, auch dann, wenn sie in Zivil unterwegs sind (nur Steinmeier ließ sich freiwillig ablichten, bei Lindner ist die Privatsphäre tangiert, bei Lang verletzt). Aber das Blockwartvergnügen, anderen Menschen selbst die geringste (vermeintliche) moralische Verfehlung nachzuweisen, vergiftet die Gesellschaft – egal, aus welcher Ecke es kommt. Und das ist auch eine Folge der Emotionalisierung von Politik, von Selbstgerechtigkeit und moralischer Überheblichkeit, die sowohl unmenschliche Erwartungen reproduzieren wie auch unmenschliches Verhalten.