Schule mit Corona: 59 Minuten ohne Ansteckung
Was nicht passt, wird passend gemacht – damit für Lerngruppen die Isolationsregeln nicht gelten, verkürzt der Direktor die Schulstunden. Von Julius Betschka.
Corona kurios in Reinickendorf: Am Humboldt-Gymnasium in Tegel (1150 Schüler) wird jetzt der Unterricht auf maximal 59 Minuten verkürzt. Keine Minute länger. In einer Rundmail, die dem Checkpoint vorliegt, hieß es: „Ab dem kommenden Montag, den 23.11.2020, werden alle Unterrichtsstunden, die bisher 60 oder 75 oder 90 Minuten dauerten, im Umfang von 59 Minuten durchgeführt. Mit dieser Maßnahme können wir nach aktuellem Stand sicherstellen, dass nicht automatisch alle Lehrkräfte, die in einer Lerngruppe mit einem positiven Corona-Befund unterrichtet haben, in Quarantäne gehen müssen. Wir hoffen damit den weiteren Ausfall von Präsenzunterricht abzumildern.“ Moment. Weil die Unterrichtseinheiten künftig 59 Minuten dauern statt 60 Minuten muss eine Lehrkraft nicht in Quarantäne? Weil Sie dann ein Aerosolpartikel weniger eingeatmet hat?
Direktor Jörg Kayser bestätigt die neue Regelung. „Das stimmt, weil wir eine Schule sind, die ein besonderes Stundenmodell hat. Das heißt, im Normalfall haben wir 60 und 75 Minuten Unterricht“, sagt Kayser am Checkpoint-Telefon. „Wenn der Unterricht länger als 60 Minuten dauert und es einen positiven Befund in einer Lerngruppe gibt und dann alle in Quarantäne müssen, ist das für uns eine zu bedrohliche Situation.“ Ihr Ziel sei es, die Gesundheit und das Unterrichtsangebot zu erhalten. „Da das Gesundheitsamt inzwischen hochbelastet ist, versuchen wir in dem Handlungsspielraum, den wir haben, selbst zu agieren – immer in Absprache mit der Schulaufsicht“, sagt Kayser. Zuerst hätte er eine Regelung mit 45 Minuten pro Unterrichtsstunde geplant, doch das hätte zu viel Unterrichtsausfall bedeutet. Prioritäten.
Inwiefern nun das Ansteckungsrisiko bei 59 Minuten geringer sein soll als bei 60 Minuten, ist zwar immer noch nicht klar. Allerdings ist das Humboldt-Gymnasium ohnehin ein Spezialfall: Lehrer und Schüler in Tegel lassen sich einmal die Woche bezahlt durch eine Biotech-Firma durchtesten. Die Testbeteiligung bei den Lehrern liege bei 100 Prozent, von den Schülern machten etwa 70 Prozent mit. „Dadurch haben wir einen sehr genauen Überblick, können immer reagieren und sind sehr gut aufgestellt“, sagt Kayser. Den Schulbetrieb sollen die vielen Tests aber lieber nicht gefährden.