Blühender Wille schlägt wuchernden Rassismus: Berlins beste Floristin über ihren steinigen Weg zum Erfolg
Thi Phuong Nhung Nguyen ist Meisterin ihres Fachs. Doch ihr Weg zur ausgezeichneten Floristin mit vietnamesischen Wurzeln war ein steiniger. Ein Interview von Carla Siepmann und Robert Ide
Lust auf Blumen? Sie spenden zwar kaum Schatten, dafür Freude – und auch Erkenntnis. Das zeigt zumindest Thi Phuong Nhung Nguyen. Die 36-jährige Tempelhoferin mit vietnamesischen Wurzeln ist seit Jahren die beste Floristin Berlins und tritt nun erstmals bei der Deutschen Floristen-Meisterschaft an (Foto hier). Wir haben sie in ihrem Blumenladen „In voller Blüte“ in Halensee besucht – und dabei einiges über die Ausbildung, aber auch Rassismus in ihrer Branche gelernt.
Frau Nguyen, warum wird man Floristin?
Bunt und vielfältig – ich fand Blumen immer toll. Manchmal sehe ich ein Blümchen am Wegesrand und denke: Ist die schön! Meine Mutter hatte einen Blumenladen, als Einzelkind war Mithelfen unvermeidbar. Nach der Schule habe ich mich dann selbstständig gemacht, später noch eine Ausbildung zur Floristin gemacht. Ich wollte mehr sein als nur Verkäuferin. Gott sei Dank habe ich einen eigenen Laden: Müsste ich mir meinen Bedarf an Blumen kaufen, wäre ich bestimmt pleite.
Wie war das für Sie, nach mehreren Jahren der Selbstständigkeit eine Ausbildung zu beginnen?
Merkwürdig. Die meisten Ausbildungsstellen waren nur für Arbeitslose. Ein Mitarbeiter des Arbeitsamtes fragte mich, weshalb ich mit Abitur überhaupt Floristin werden will. Dann haben mich drei Ausbildungsbetriebe abgelehnt, weil ich Vietnamesin bin. Die meinten: „Wenn wir Sie ausbilden, bilden wir die Konkurrenz aus“, weil gefühlt die Hälfte der Berliner Blumenläden in vietnamesischer Hand sind.
Als ich eine Stelle gefunden hatte, durfte ich die ganze Zeit nur im Hinterzimmer sein und putzen. Eine Kollegin meinte zu mir: „Die Chefin will nicht, dass man dich sieht.“ Aber dafür wollte ich die Ausbildung nicht machen. Schließlich habe ich mir die Ausbildung an einer Privatschule selbst finanziert. Ich habe 40 Stunden Vollzeit ohne Lohn die Ausbildung gemacht und nebenher noch etwa 30 Stunden die Woche in meinem eigenen Betrieb gearbeitet. Nach zweieinhalb Jahren habe ich meine Ausbildung beendet. Und dann 2019 meinen Meister gemacht.
Was bedeutet es Ihnen, bei der Deutschen Floristen-Meisterschaft anzutreten?
Der Geist ist frei. Ich kann mich ausleben, habe schon fast 1500 Euro allein für das Grundmaterial meiner Stücke für den Wettbewerb ausgegeben. Man trifft auch andere Leute, regt sich gegenseitig an. Ich probiere immer neue Techniken und Farbkombinationen aus. Und es ist besonders für mich: Ich bin die einzige Vietnamesin, die antritt. Die anderen sind alle deutsch. Dieses Jahr wird die Jury erstmals die Stücke blind bewerten, ohne die Künstler zu kennen.
Dieses Interview hat Carla Siepmann geführt. Die Schülerin aus Pankow ist dem Checkpoint-Publikum schon gut bekannt durch Ihre Co-Moderationen bei den Tagesspiegel-Wahlkampftalks mit der Berliner Spitzenpolitik (Rückblick hier). Nun macht die 16-Jährige in den Sommerferien ein Praktikum in unserer Berlin-Redaktion – und recherchiert viele Seiten der Stadt. Auch die blumigen.