Es wütet das Virus des Populismus
Sperrstunde, Alkoholverbote – das Berliner Modell wird zur Blaupause für Deutschland. Einige suchen die Schuld bei den Hauptstädtern. Eine Kommentar von Julius Betschka
Mittwochabend, 22.20 Uhr, Kanzlerinnenamt. Seltener Anblick: Merkel wirkt müde, ihre Worte in der Pressekonferenz eher Pflichtübung als eindringlicher Appell – mehr als sechs Stunden hatte sie mit den 16 Länderchefs verbracht. Die Ergebnisse der Sitzfleischorgie sind eher ernüchternd. Während der Sitzung soll die Kanzlerin gesagt haben: „Die Ansagen von uns sind nicht hart genug, um das Unheil von uns abzuwenden. Dann sitzen wir in zwei Wochen eben wieder hier.“ Michael Müller sprach von „langen und kontroversen Beratungen“. Tatsächlich schafften Bund- und Länderchefs während des Gipfels keine Einigung zum Beherbergungsverbot (bleibt mindestens bis 8. November, Ende der bayerischen Herbstferien). Neu ist: Schon ab einer Inzidenz von 35 soll die Maskenpflicht ausgeweitet werden – zum Beispiel auf Fußgängerzonen und belebten Plätze.
Ansonsten wird das Berliner Modell zur Blaupause für Deutschland: Empfohlen werden eine verpflichtende Sperrstunde und Alkoholverkaufsverbote ab 23 Uhr, wenn wöchentlich 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner überschritten werden. In solchen Hot-Spot-Gebieten sollen nur noch Veranstaltungen mit maximal 100 Personen möglich sein, private Feiern (drinnen/draußen) sollen auf zehn Personen begrenzt sein (Alle Details hier). Zeigen die Maßnahmen in zehn Tagen keine Wirkung werden weitere Kontaktbeschränkungen erlassen. Schönen Dank auch, schalt’s jetzt in Richtung Hauptstadt. „So aber ist eine ordentliche Mehrheitsbevölkerung zur Geisel selbstsüchtiger und partysüchtiger Corona-Ignoranten geworden, wie in Berlin“, kommentierte ein Kollege des Hessischen Rundfunks am späten Abend in den Tagesthemen. Neben dem Virus der Unverantwortlichkeit scheint ein weiteres zu wüten: das des Populismus (Eine interaktive Karte der mittlerweile 50 innerdeutschen Risikogebiete finden Sie hier).