Eigentlich müsste die Rote Insel längst Grüne Insel heißen. In der früheren sozialdemokratischen Bastion haben bei der letzten AGH-Wahl noch 26,8 Prozent ihr Kreuz bei den Roten gemacht, die Grünen erhielten auf der Insel (weil von S-Bahn-Gleisen abgeschnitten) mehr als 40 Prozent. Immerhin wohnt Juso-Chef Kevin Kühnert noch hier, doch allen Sozialismus-Forderungen zum Trotz schreitet die Gentrifizierung voran. Vor dem portugiesischen Café stehen die Hipster für ihren „Zartbitter Hafer Porridge“ oder die „Acai-Bowl“ Schlange, an jedem Laternenmast hängen verzweifelte Wohnungsgesuche, die Kitas sind auf Jahre voll. Jetzt will auch noch Tesla den Gasometer bebauen. Es wird eng für die alten Schöneberger, die stolz sind auf ihre Geschichte. Marlene Dietrich wurde auf der Insel geboren, Hildegard Knef verbrachte hier ihre Kindheit, August Bebel und Theodor Heuss waren auch mal da. Inzwischen scheint nur in der Kiezkneipe „Inselnest“ in der Leberstraße – benannt nach dem Sozialdemokraten und NS-Widerstandskämpfer – noch die Zeit still zu stehen. Der 24-Stunden-Schuppen besticht mit fairen Preisen und den immergleichen Gästen. Zwischen Billiardtisch, Jukebox und Tresen tröpfelt das Leben seit 30 Jahren vor sich hin. Doch wie lange noch? Immer öfter bleibt der Laden am Ende des Monats, wenn den Gästen die paar Groschen für ihre Molle fehlen, leer. Die Insel verschwindet immer mehr im tosenden Großstadtmeer – nicht nur politisch.
Text: Felix Hackenbruch
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