Encore
Zum Schluss beschäftigen wir uns heute aus gegebenem Anlass nochmal mit der Kunst des Abschieds (siehe oben). Dass wir es hier mit einem profunden Problem zu tun haben, zeigt sich schon an der Zahl der Ratgeber, die dazu erschienen sind. Quintessenz: Man kann’s nur falsch machen – die Wahrscheinlichkeit, dass der oder die zu Verabschiedende irgendwas missversteht oder fehlinterpretiert, liegt bei 99,9 Prozent.
Dazu kommen die geheimen Codes, die auch bei Arbeitszeugnissen nur den Eingeweihten fiese Feinheiten verraten, die bei oberflächlicher Betrachtung verborgen bleiben – oder gar in die Irre führen. „War stets bemüht“ ist eine höfliche Vernichtung, „War stets bemüht, den nicht allzu hohen Anforderungen wenigstens halbwegs gerecht zu werden“ ist dagegen eine offensichtliche Vollkatastrophe. „Hat zur Verbesserung des Betriebsklimas beigetragen“ schillert dagegen gefährlich: Für die einen entlarvt das die Säufer und Schwätzer, die anderen sind dankbar und meinen es ernst.
Beim Abschied flüchten sich viele deshalb in komische Kalauer: „Auf Wiedertschüss“, „Auf Video sehen“, „Bis Baldrian“, „Bis Dannimannski“, „Bis Danzig“, „Bis Denver“, „Schicht im Schacht“, „Tschau mit Au“, „Tschö mit Ö“, „Tschüssikowski“, „Wirsing“ - herrje…
„Niemals geht man so ganz“ klingt dagegen ganz nett. Aber was wollen einem die Kollejen damit sagen? „Du bist uns immer herzlich willkommen?“ Oder „Komm bloß nicht ständig rum und stör‘ uns bei der Arbeit“? Und was meinen die mit „Irgendwann ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen, um sich neuen Herausforderungen zuzuwenden“? Vielleicht „Geh jetzt mal anderen auf die Nerven?“ Oder „Hier hast Du alles erreicht“?
„Du hast dir den Ruhestand verdient“ empfiehlt die „Wirtschaftswoche“ als angemessene Freundlichkeit. Passt nur nicht immer. „Die Arbeit wird ohne Dich nicht mehr dieselbe sein“ – heißt: „Endlich kommen wir mal voran“? Und ganz gemein, aber auch zu finden im Baukasten der Abschiedsreden: „Trotzdem werden wir dich vermissen“.
Alles unbrauchbarer Schrott. Der Einzige, der hier wirklich hilft, ist Theodor Fontane: „Abschiedsworte müssen kurz sein wie Liebeserklärungen“, hat er gesagt. Und damit lässt sich doch was anfangen: WIR HABEN DICH ALLE SEHR LIEB!