Encore
In der Kunst, und nicht erst seit der Digitalisierung, gilt schon das Kopieren als eine Form des Raubs. Böse Zungen und Neider haben beispielsweise Gustav Mahler seinerzeit vorgeworfen, er habe keinen einzigen Ton selbst komponiert, sondern nur Versatzstücke anderer neu arrangiert. In gewisser Weise hat man ihm also postmoderne Züge angekreidet, lange bevor der Begriff existierte. Der Komponist Johannes Kreidler, Jahrgang 1980, hat das Thema im Jahr 2008 spektakulär ad absurdum geführt: Er komponierte ein Stück mit 70200 Zitaten anderer Werke und füllte für jedes einzelne einen separaten Bogen für die Verwertungsgesellschaft GEMA aus. Mit einem Kleinlaster brachte er das tonnenschwere Papier dann zur GEMA Berlin. Wie schwer sich nicht nur die Musikindustrie, sondern auch die deutsche Justiz mit dem Thema tut, zeigt sich ganz aktuell auch am Rechtsstreit zwischen der Band Kraftwerk und dem Produzenten Moses Pellham. 20 Jahre dauert der Rechtsstreit um zwei Sekunden Musik bereits. Sein Ende ist noch nicht in Sicht, weil die Lösung Grundsatzurteile erfordert. Indirekt geht es dabei auch um ein Versprechen der Digitalisierung, das Wissen (und damit mediale Kulturgüter) der Welt allen Menschen gleichermaßen zugänglich zu machen. Und das gegen den Willen der Halter von Verwertungsrechten, die nicht leer ausgehen wollen, aber noch keine neuen Geschäftsmodelle haben, die mit der Veränderung Schritt halten. Zur Vertiefung läuft im HKW aktuell das Right the Right-Programm.