Durchgecheckt
Michael Bohmeyer (36) ist der Initiator des Berliner Vereins „Mein Grundeinkommen“, der am 29. April wieder 12 Monate à 1.000 Euro an zehn Menschen verlost. Foto: Christian Stollwerk
Herr Bohmeyer, das Grundeinkommen wird in dieser schwierigen Zeit wieder viel diskutiert. Ein Krisenmodell?
In der Krise braucht es resiliente Menschen, um sie zu überstehen. Das Grundeinkommen nimmt Stress und Druck, sodass – auch langfristige – Entscheidungen besser getroffen werden können. Im Moment hat fast jeder eine diffuse Angst. Mit einem Grundeinkommen würden sich die Menschen möglicherweise nicht so leicht verunsichern lassen.
Unsicher ist gerade, wie es wann weitergeht. Hätten wir mit einem Grundeinkommen keine „Öffnungsdiskussionsorgien“?
Dass Politik und Gesellschaft diskutieren, welche Bereiche wieder öffnen können, hat zwei Gründe: Erstens ist der Mensch ein tätiges Wesen und will nicht länger zu Hause sitzen. Übrigens das beste Argument gegen das Hängematten-Vorurteil, das uns immer vorgeworfen wird. Zweitens gibt es eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Den ökonomischen Druck hätten wir mit einem Grundeinkommen in diesem Maße nicht. Wir von „Mein Grundeinkommen“ setzten uns deshalb dafür ein, in der Coronakrise zumindest ein temporäres Grundeinkommen einzuführen.
Eine Petition für ein temporäres Grundeinkommen – für sechs Monate für Selbstständige – hat fast 500.000 Unterschriften.
Das ist das Spannende. Alleinerziehende, SozialunternehmerInnen, Selbstständige, KünstlerInnen... jeder hat jetzt eine eigene Petition! Die Coronakrise ist ein enormer Beschleuniger für diese Idee – weltweit. Auch in den USA, wo innerhalb eines Monats 27 Millionen Menschen arbeitslos wurden, wird darüber viel diskutiert. Ich glaube, dass es in Deutschland schnell möglich ist, ein Krisengrundeinkommen zu garantieren. Bayern bietet jetzt 30.000 KünstlerInnen für drei Monate 1.000 Euro als Hilfe an. Nach der Definition von Joseph Beuys sind wir alle KünstlerInnen. Lasst es uns ausprobieren!
580 Menschen haben bei Ihnen ein bedingungsloses Grundeinkommen gewonnen. Was ist Ihre Erfahrung?
Nirgends haben sich die Hängematten- und Müllmann-Argumente bestätigt. Ein paar TeilnehmerInnen haben zwar ihren Job gekündigt, aber nicht um auf der faulen Haut zu liegen. Sie konnten zum Beispiel einen von vier Jobs kündigen und sich auf die Suche begeben nach dem Beruf, der sie erfüllt. Ohne das erstbeste Angebot annehmen zu müssen. Mit Grundeinkommen entsteht überhaupt erst ein Arbeitsmarkt, weil Jobs attraktiv werden müssen. Viele unserer TeilnehmerInnen haben den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und sind selbstbewusster geworden. Frauen konnten frei von finanziellen Sorgen überlegen, ob sie sich von ihren Partnern trennen. Auch das bringt uns als Gesellschaft weiter, wenn wir keine Duckmäuser mehr sein müssen.
Ihre Vision eines unabhängigen Grundeinkommens sieht vor, dass jeder Mensch 1.000 Euro im Monat bekommt. Also auch Millionäre. Ist das gerecht?
Das ist die große Herausforderung: Es ist verdammt schwer, den wenigen MillionärInnen das gleiche wie allen zuzugestehen. Deshalb akzeptieren wir lieber, dass ein Viertel der Bevölkerung arm ist, als dass wir den reichsten drei Prozent auch 1.000 Euro überweisen. Dabei würden diese drei Prozent unser System auch mehr stützen, denn das Grundeinkommen muss finanziert werden, durch Steuern. Einkommens-Millionäre würden mehr Steuern zahlen als sie Grundeinkommen erhalten. Die Berechnung erfolgt aber erst nachdem wir das Geld überwiesen haben – ein System des Vertrauensvorschusses. In der Vergangenheit haben wir als Gesellschaft Milliarden in Großbanken investiert in der Hoffnung, dass es zurück in die Wirtschaft fließt. Wieso vertrauen wir Menschen nicht mehr als Banken? Das Grundeinkommen ist die direkteste Form der Wirtschaftshilfe.