Durchgecheckt

Durchgecheckt

Brandoberamtsrat Rolf Erbe ist seit 30 Jahren im Einsatzdienst für die Berliner Feuerwehr. An deren Akademie ist er außerdem zuständig für Aus- und Fortbildung zu Ereignissen mit besonders großem Schaden.

Einerseits gelten in Deutschland Brandschutzvorschriften, die die Eröffnung eines Flughafens um knapp zehn Jahre verzögern können, andererseits schlugen am vergangenen Wochenende meterhohe Flammen aus einem zuvor voll besetzten Waggon am Bahnhof Bellevue. Sind Sie als Fachmann manchmal selbst überrascht, wie heftig manche Dinge brennen können?

Wenn wir vor 20 oder 30 Jahren zu einem Feuer gefahren sind, war der Brand oft noch in der Entstehung begriffen. Jetzt erleben wir beim Eintreffen öfter Brände, die sich binnen weniger Minuten massiv ausgebreitet haben. Es brennt heftiger, weil mehr Kunststoffe vorhanden sind. Außerdem sind die Brandlasten umso höher, je mehr Dinge die Menschen haben, ob in der Wohnung oder als Gepäck in der Bahn. Die Brandschutzvorschriften etwa für Verkehrsmittel sind durchaus streng, aber sie garantieren eben auch nichts.

Haben wir im Falle des Fanzuges einfach Riesenglück gehabt, dass da nichts Schlimmeres passiert ist?

Tatsächlich hatten wir da in zweierlei Hinsicht Glück: Zum einen wäre ein Brand beispielsweise in einem Tunnel viel gefährlicher gewesen als auf freier Strecke. Zum anderen war die Bundespolizei bei den Fußballfans von Anfang an mit viel Personal vor Ort. So konnten die Beamten sofort die Menschen aus der Gefahrenzone leiten und gleichzeitig für deren Sicherheit sorgen, indem beispielsweise der Zugverkehr auf den Nachbargleisen sofort gestoppt und der Fahrstrom abgestellt wurde. Entsprechend schnell konnten wir mit dem Löschen beginnen. Zugleich hat der Fall gezeigt, wie wichtig eine ausreichende Personalausstattung ist: Wir wussten von Anfang an, dass in dem Zug 800 Menschen waren. Was wir zunächst nicht wussten, war die Zahl der Verletzten. Deshalb sind wir mit fast 80 Fahrzeugen und 220 Leuten angerückt. Die muss man erst mal haben! Solche Ressourcen bekommen wir nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit so schnell zusammen. Wir brauchen sie auch nicht ständig – aber es kann eben jederzeit passieren, dass wir ganz plötzlich darauf angewiesen sind. Daher ist die Unterstützung durch die Freiwillige Feuerwehr auch in Berlin unverzichtbar.

Halten Sie das Risikobewusstsein des Durchschnittsberliners der realen Gefahr für angemessen – oder anders gefragt: Sorgen sich die Leute beim Thema Brandschutz ums Richtige?

Nicht wirklich. Beim vorbeugenden Brandschutz sind wir gut, aber viele Opfer wären vermeidbar, wenn die Menschen besser informiert werden. Viele überschätzen beispielsweise die Strecke, die sie mit angehaltener Luft laufen können. Man glaubt, man schafft zwei Etagen durchs verrauchte Treppenhaus, aber dann beißt der Rauch, man muss husten, atmet ein – und ist nach drei Atemzügen bewusstlos und nach drei Minuten tot. Außerdem glauben die Leute, dass es immer nur die anderen trifft. Dabei gibt es auch in der eigenen Wohnung ganz neue Brandgefahren, etwa durch Ladegeräte und Lithium-Ionen-Akkus. Und als Zugpassagier möchte man auch nicht an böse Dinge denken – sollte man aber! Dann weiß man im Ernstfall nämlich, wo die Nothämmer hängen und wo Notausstiege sind. Wie weit der Glaube an die eigene Unverwundbarkeit geht, habe ich selbst schon von Falschparkern gehört: Die blockieren die Feuerwehrzufahrt und sagen, wenn man sie anspricht: „Bei mir brennt es nicht!“
 
Was sollte jeder im Hinterkopf haben, um sich vor einem Brand und dessen Folgen zu schützen?

Jeder sollte sich immer mal ganz bewusst ins Gedächtnis rufen, was im Ernstfall zu tun ist: Wenn es in der eigenen Wohnung brennt, verlässt man die Wohnung und ruft die Feuerwehr, aber man nimmt bitte den Schlüssel mit für die Feuerwehr und schließt die Tür, bis sie da ist. Wenn es in einer anderen Wohnung brennt, verlässt man das Haus nur dann, wenn im Treppenhaus kein Rauch ist. Wenn doch, wartet man möglichst in der Wohnung auf die Feuerwehr. Eine Wohnungstür, auch massive Holztür, oder eine hölzerne Decke widerstehen einem Brand durchaus eine halbe Stunde lang.

Gibt es speziell in Berlin so etwas wie einen Alptraum aus Sicht der Feuerwehr – etwa die zugeparkten Wohnstraßen, fehlende Rauchwarnmelder oder vielleicht die nicht durchweg taufrische Ausrüstung Ihrer Kolleginnen und Kollegen?

Rauchwarnmelder sind nicht alles, aber sie retten Leben. Es gibt keinen Grund, sie nicht zu installieren. Es ist ein fataler Irrtum, wenn Leute glauben, sie würden von nächtlichem Brandgeruch wach: Zuerst wirkt das Kohlenmonoxid, von dem man bewusstlos wird. Was die zugeparkten Straßen betrifft, haben wir in der Tat oft Probleme, weil Drehleiterfahrzeuge nicht um die Kurven kommen oder zwischen den Autos gar kein Platz mehr bleibt, um unsere Gerätschaften aus den Einsatzfahrzeugen zu holen. Auch verkehrsberuhigte Bereiche sind für uns hoch problematisch: Fahrbahnschwellen kosten uns Zeit und sind für Patienten im Rettungswagen extrem kritisch. Außerdem wird auch hier oft so geparkt, dass wir nicht durchkommen. Und allen Verkehrsteilnehmern sei gesagt: Wir fahren nicht aus Spaß mit Blaulicht.