Durchgecheckt
Jörg Riemann ist meteorologischer Leiter des Dienstes "Wettermanufaktur", der beispielsweise Flughäfen, Baufirmen und Landwirte mit Daten und Analysen versorgt.
An diesem Wochenende endet der meteorologische Sommer. Wie war er im Vergleich zum vergangenen, der ja sämtliche Hitze- und Dürre-Rekorde aus fast 130 Jahren Wetteraufzeichnungen gesprengt hat?
Deutschlandweit war es nur der drittheißeste Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen, aber in Berlin und Potsdam der heißeste. Nachdem im vergangenen Jahr der berühmte Jahrhundertsommer von 2003 um ein halbes Grad übertroffen wurde, kommen 2019 noch mal 0,4 Grad obendrauf. Nehmen wir beispielsweise die Hitzetage mit mindestens 30 Grad: Von denen gibt es laut der bis 1893 zurückreichenden Potsdamer Wettermessreihe acht pro Jahr. Im vergangenen Jahr waren es 25, in diesem 26 solcher Tage. Dazu kommen die Tropennächte, in denen es nicht unter 20 Grad abkühlt. Seit 1893 hatten wir im Mittel alle zwei Jahre eine solche Nacht. In diesem Jahr waren es vier. Der wesentliche Unterschied zu 2018 ist, dass im vergangenen Jahr der Sommer mit Trockenheit und Wärme praktisch von April bis November gedauert hat.
Zur Hitze kommt die extreme Dürre, die nur durch lokale Gewitter gelindert wurde. Waldbesitzer und Forstwirte beklagen Milliardenschäden, die Stadtspree wird fast nur noch aus Klärwerksableitern gespeist, und den Seen im Umland fehlt teilweise ein Meter Wasser. Was ist da los?
Mit 355 Litern Niederschlag pro Quadratmeter seit Jahresbeginn hat die Messstation in Potsdam zwar schon so viel registriert wie 2018 im gesamten Jahr. Aber die Statistik sieht viel besser aus als die Realität, weil beispielsweise bei einem Unwetter im Juni dort 78 Liter herunterkamen, während es anderswo trocken blieb. Vor allem der Berliner Südosten hat in diesem Sommer sehr wenig abbekommen, das Defizit wird immer größer. Was den Wald betrifft, sind die nach wie vor dominanten Kiefern auch einfach die falsche Baumart. Sie ziehen das ganze Jahr über Wasser aus dem Boden, und als Monokultur sind sie dem Borkenkäfer ausgeliefert. In Mischwäldern, in denen eine Kiefer zwischen zehn Laubbäumen steht, wäre das völlig anders.
Häufen sich gerade die Zufälle, oder ist unser Wetter völlig aus den Fugen geraten?
Es fällt auf, dass die trockene subtropische Zone sich nordwärts ausdehnt, wir also meteorologisch immer weiter in Richtung Mittelmeer rutschen. Die Tiefs vom Atlantik kamen mit ihrem Regen früher etwa bis zum Baltikum und nach Russland. In letzter Zeit schaffen sie es gerade noch bis nach Großbritannien, zumindest im Sommer, weil die Temperaturgegensätze zwischen Arktis und Subtropen sich verringert haben. Das schwächt die Tiefs ab.
Also ist das Extremwetter die neue Norm?
Mit Weltuntergangsszenarien würde ich mich zurückhalten, denn für die jeweilige Wetterlage ist das Wetter durchaus normal. Was nicht normal ist, ist die Verteilung der Wetterlagen, also der immer größere Anteil des Kontinentalklimas mit trockenem Ostwind. Eine Rückkehr zum früheren Normalzustand mit dem mäßigenden Einfluss des Atlantiks sehe ich vorerst nicht. Aber ich hoffe, dass ich mich in diesem Punkt irre.